Denkt auch jemand mal an mich?

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Manche Journalistenleben sind ziemlich perfekt organisiert. In den Redaktionsalltag haben sich immer noch mehr Aufgaben quetschen lassen. Karriere und Einkommen haben sich gar nicht so schlecht entwickelt oder sind, trotz aller Branchenkrisen, zumindest stabil geblieben. Auf dem täglichen Heimweg noch schnell die Kinder abholen oder einen Einkauf erledigen, und zu Hause wartet bereits ein Partner, der von seinem stressigen Tag berichten will.

Von aussen sieht das aus wie das normale Leben eines jeden Berufstätigen mit Familie. Doch mit den Jahren fühlt es sich immer mehr an wie eine unendliche To-do-Liste, die sich immer neu verlängert, unterbrochen nur vom Jahresurlaub und den Feiertagen. „Ist das eigentlich das Leben, das ich wollte“, ist irgendwann eine nicht mehr zu ignorierende Frage, „Wo bleibe ich bei all dem?“ Das ist heute das Thema: Die Suche nach sich selbst.

Unterscheiden Sie zwischen sich und Ihren Rollen

Der erste Schritt, der sich bereits in der Frage andeutet, ist eine wichtige Wahrnehmung: Da gibt es ein Unterschied zwischen „ich“ und den Rollen des Alltags, die man wahrnimmt, also zum Beispiel Partner, Elternteil, Mitarbeiter sein. All diese Rollen sind Aspekte des eigenen Lebens, meist schön, wichtig und sinnstiftend. Aber sie sind nicht der Kern. Das ist die eigene Individualität. Diese Unterscheidung klingt banal, mancher muss sie sich aber erst erarbeiten.

Aus ihr folgt, dass das Leben nicht allein daraus bestehen kann, von anderen in Beschlag genommen zu werden, zugewiesene Funktionen und Erwartungen zu erfüllen. Es gibt viele überlappende Interessen, beispielsweise arbeitet man gern und liebt seine Familie. Doch die Abgrenzung zum „ich“ bleibt bestehen, wenn man sich nicht verlieren will: Das Wissen, dass es etwas gibt, das immer nur einem selbst gehört und für das man selbst verantwortlich ist.

Auf der praktischen Ebene kann das zum Beispiel bedeuten, dass auch der engagierteste Berufstätige mit Beziehung und Familie auch Freiräume für sich selbst haben muss, um zum Beispiel Freunde zu sehen, zum Sport zu gehen oder sich einem Hobby zu widmen. In jungen Jahren sind das Selbstverständlichkeiten. In der Lebensmitte fühlen sich mancher pausenlos verplant und überwacht von Arbeitgeber, Partner, Familie, die sich nur zeitlich abwechseln.

Ich erinnere mich an eine journalistische Führungskraft, die nach einem Treffen unbedingt darauf bestand, mich zur Haltestelle zu fahren, obwohl sie keine zehn Minuten zu Fuß entfernt lag. Im Auto kam das Gespräch schnell auf Partnerin und Kinder, die zu Hause geblieben waren. Und dann das überraschende Geständnis: „Ich brauchte einfach einmal einen Moment nur für mich.“ Da war jemand, der nur noch für andere da war und sich dadurch selbst verlor, selbst ein Durchatmen und einige Momente der Stille waren zum Luxus geworden.

Achten Sie auf Ihre Gefühle, schauen Sie aber nach vorn

Nach dieser Erkenntnis stellen sich oft eine Menge widersprüchliche Gefühl ein, nicht alle davon angenehm. Glück – sich wieder selbst spüren, den Eindruck haben, doch noch etwas bewegen zu können. Stärke – da ist doch noch etwas in einem selbst, das kämpfen und etwas verändern will. Zweifel – ist es nicht egoistisch, an sich zu denken, ist das der erste Schritt, seinem alten Leben untreu zu werden? Wut auf sich selbst und andere – wieso habe ich so lange zugelassen, warum war ich so schwach, wieso denkt keiner auch mal an mich?

Die Versuchung ist groß, sich über sich selbst zu ärgern oder anderen die Schuld zu geben, die Gedankenlosigkeit oder Egoismen der anderen zu beklagen. Hier ist zu sagen: Es ist Ihr Job, für sich selbst einzustehen. Niemand hat Sie davon abgehalten, für Ihre Bedürfnisse einzustehen. In einem Coaching (mehr noch in Therapie) könnte man ergründen, wie das einmal begonnen hat. Nicht selten war übergroße Anpassung bereits ein Kindheitsthema. Am Ende zählt aber vor allem, wie Sie jetzt – also „ab heute“ – damit umgehen wollen.

Interessant ist dabei die Reaktion der Familie, sie kann von Begeisterung („Endlich machst Du auch mal was für Dich!“) bis verächtlicher Ablehnung („Midlife-Krise!“) reichen. Vielfach haben Partner längst registriert, dass all die Selbstverleugnung auch für sie selbst nicht besonders gut war, beispielsweise Romantik und Sexualität unter all den Routinen gelitten haben. Man arbeitet gemeinsam den Alltag ab, mehr aber auch nicht. Die anfängliche Reaktion sagt Ihnen vor allem etwas über die Qualität Ihrer Beziehung, vorangehen sollten Sie in jedem Fall.

Finden Sie heraus, was Sie eigentlich selbst wollen

Wer lange vor allem für andere gelebt hat, stellt oft fest, dass er gar nicht mehr sicher weiß, was er selbst will (oder sich diese Frage noch nie gestellt hat). Nun ist es also an der Zeit, das zu erkunden: Was wollen SIE eigentlich? Hier geht es darum, wieder eigenen Interessen und Werten nachzuspüren. Manchmal anknüpfend an etwas aus ganz frühen Jahren, manchmal etwas komplett anderes als bisher. Die beste Methode ist, sich absichtlich vielen neuen und verschiedenen Einflüssen auszusetzen, also aus der Routine herauszukommen.

Was genau Sie sich anschauen, ist dabei gar nicht so bedeutsam. Der eine meldet sich für einen Kochkurs an, der nächste probiert eine neue Sportart oder Sprache, der dritte geht nach 20 Jahren mal wieder in einen Club. Entscheidend ist, mal wieder etwas nur für sich zu tun (also allein). Es spricht nichts dagegen, später andere mit einzubeziehen, also Partner, Kinder oder Freunde. In dieser Phase ist es aber nötig, erst einmal selbst herumzuprobieren, viele neue Optionen auf sich wirken zu lassen, weiterzuverfolgen oder zu verwerfen.

Planen Sie jede Woche etwas nur für sich

Ein häufiger Ansatz ist, die innere Reise mit einer äußeren zu beginnen – also zuerst einmal nur für sich zu verreisen. Für den einen ist es die lang ersehnte Rundreise in weit entfernte Regionen, für die wegen der Kinder nie Geld da war, andere suchen sich Einsamkeiten von Strand bis Bergen. Das kann ein guter Start sein und die Gelegenheit, einmal ungestört für sich nachzudenken, sich neuen Eindrücken zu überlassen und vom Alltag zu entfernen.

Entscheidend aber ist, „Reisen“ in den Alltagskalender daheim einzuplanen: Gelegenheiten, die Rollen des eigenen Lebens immer auch wieder einmal zu verlassen und etwas nur für sich zu tun. Das lässt sich durchaus gut organisieren. Ein beliebtes Modell ist, abwechselnd mit dem Partner einen Abend pro Woche für sich zu reservieren – der andere nimmt dann jeweils die Kinder. Auch das konsequente Eintragen privater Termine in den Kalender hilft, ihn nicht zur Verfügungsmasse für alle anderen zu machen und mehr selbst zu gestalten.

Im Kern ist all das ein Führungsthema, nämlich das Führen von sich selbst. Mir scheint, dass vor allem moderne Ehemänner sich heute schwer damit tun, eigene Bedürfnisse anzumelden, da sie partnerschaftlich auftreten wollen. Hier liegt ein Missverständnis vor: Ein guter Partner achtet auch auf sich selbst und kann vorangehen. Wenn Sie also die Ferien für dieses Jahr planen, fassen Sie auch ein besonders lohnenswertes und gleichzeitig nahes Reiseziel ins Auge: Sich selbst.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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