Führen trotz privater Krise

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In den Karriere- und Führungskräfte-Ratgebern sieht alles so einfach aus: Da sitzt der Chef im frisch gebügelten Anzug – alternativ die Chefin im Kostüm – am Schreibtisch und kann sich voll der Aufgabe widmen, „unternehmerische Ziele zu erreichen“. In der Realität ist das oft anders: Da ist der schwierige Job, der lange Arbeitstag – und gleichzeitig noch eine private Krise, die es besonders schwer macht, alles zu geben und sich in der Redaktion nichts anmerken zu lassen.

Da hat die Chefredakteurin vielleicht ein krankes Kind oder einen frustrierten Freund zu Hause, der von ihren Überstunden genervt ist. Der Ressortleiter versorgt eine pflegebedürftige Mutter, die jeden Tag besucht werden muss, aber eine Stunde entfernt wohnt. Der Chefreporter ist in Gedanken bei seiner Frau, die seit langem arbeitslos ist, und der Teenager-Sohn strauchelt in der Schule und kifft bedenklich viel. Wie soll man sich da noch aufs Führen konzentrieren?

1. Machen Sie sich klar, dass Sie den Normalfall erleben

Beginnen Sie mit einem tröstlichen Gedanke: Was Sie erleben, ist kein persönliches Versagen oder ein Fluch des Schicksals, sondern der Normalfall. Möglicherweise haben Ihr Vorgesetzter oder Kollegen nie über private Sorgen gesprochen, aber Sie können davon ausgehen, dass sie ähnliche Probleme umtreiben. Diese Reflexion ist wichtig, damit Sie sich nicht noch unnötig mit Schuldgefühlen, Scham oder Selbstvorwürfen belasten. Sie brauchen Ihre Energie anderweitig.

Gleiches gilt für Ereignisse, die Sie vielleicht grundsätzlich als positiv empfinden, nicht jedoch die damit verbundenen Konsequenzen oder den Zeitpunkt: Da wird vielleicht die Partnerin exakt in dem Moment schwanger, in dem Sie befördert wurden und dafür umziehen müssen. Das gerade auf Kredit gekaufte Haus ist plötzlich in der falschen Stadt, und Sie stecken noch mitten in einer Sinnkrise und einer verschleppten Grippe. Auch hier gilt: Nicht perfekt, passiert aber ständig.

2. Entscheiden Sie, ob das Problem kurz- oder langfristig ist

Der nächste Schritt liegt darin, die Dauer der belastenden Situation abzuschätzen – und das eher konservativ. Vielfach sehe ich bei Führungskräften, dass sie sich vor allem deshalb erschöpfen, weil sie eine Krise irrtümlich für kurzfristig hielten und glaubten, sie ohne Veränderungen ihres Alltags bewältigen zu können – und dann wurden doch Monate oder Jahre daraus. Stellen Sie sich im Zweifel lieber darauf, dass die Lage für absehbare Zeit Ihre neue „Normalität“ darstellt.

Grundsätzlich ist Optimismus natürlich zu begrüßen, hier geht es jedoch darum, die zu erwartende Belastung realistisch abzuschätzen und Ihre Ressourcen wie Zeit, Geld und Kraft einzuteilen. Grundregel: Was Sie selbst lösen können (z. B. Schulden in Raten abzahlen) dürfen Sie optimistischer einschätzen als alles, was objektiv nur begrenzt von Ihnen zu beeinflussen ist (z. B. Erkrankung oder Arbeitslosigkeit von Angehörigen, Verhaltensprobleme von Kindern).

3. Prüfen Sie, was jetzt dringend zu tun ist

Bei manchen Problemen bleibt nichts anderes übrig, als sich in die Hände von Experten zu begegnen und ansonsten auf das Beste zu hoffen. Diese Klarheit ist aber bereits ein Erfolg, den Sie sich erarbeiten müssen: Verschaffen Sie sich einen Überblick, was jetzt zu tun ist – und in welcher Reihenfolge. Müssen Sie einen höheren Dispo beantragen, weil ein Einkommen entfällt? Benötigen Sie einen Therapeuten-Termin, auf den Sie aber drei Monate warten müssen?

Hier dürfen Sie ruhig in den Chef-Modus schalten und planen, wie Sie es auch für ein Projekt im Unternehmen tun würden: Notieren Sie die konkrete Schwierigkeiten, überlegen Sie sich mögliche Lösungen und wen Sie ansprechen könnten. Ziel ist, das Problem aufzugliedern und so überschaubar und leichter lösbar zu machen. Wenn Sie den Eindruck haben, alles schlägt über Ihnen zusammen, haben Sie zu lange gewartet – dieser Schritt bewahrt Sie davor.

4. Suchen Sie sich früh Hilfe und Aussprache

Wer es zur Führungskraft schafft, ist überdurchschnittlich selbständig, ehrgeizig, kann sich durchsetzen und ist nicht selten stolz darauf, „auch mal die Zähne zusammenbeißen“ zu können. In einer privaten Krise können sich Alleingänge aber rächen: Tendenziell suchen sich Chefs privat zu spät Hilfe, weil sie gewohnt sind, Probleme selbst zu lösen. Kümmern Sie sich also sehr früh um Unterstützung – am besten schon, wenn Sie noch gar keine nötig haben.

Ziel dieses Schrittes ist es, Ihre Ressourcen zu stärken: Wer und was kann Ihnen das Leben jetzt leichter machen und helfen, Ihre Kräfte zu erhalten? Je nach Situation ist eine Vielzahl von Angeboten denkbar: Sucht- oder Schuldenberater, Coach oder Therapeut, vielleicht aber auch eher die gute Freundin oder die Nachbarn, die z. B. mal die Kinder nehmen. Dabei geht es nicht nur darum, Informationen oder Rat einzuholen, sondern sich ein kleines Team aufzubauen, das Sie nach Bedarf unterstützen kann.

5. Planen Sie Auszeiten als Teil Ihres Alltags

Eine weitere Versuchung ist es, sich in einer Krise besonders stark anstrengen zu wollen, um das Problem damit schneller zu lösen. Das funktioniert bei absehbar kurzen Belastungen, rächt sich aber, wenn sie doch länger anhalten als erwartet – zum Beispiel der kranke Vater doch zum Pflegefall wird. Achten Sie daher auch in der größten Krise darauf, wöchentliche Ruhezeiten einzuplanen, und wenn es nur ein Abend oder einige Stunden am Wochenende sind, in denen Sie mal für sich lesen oder Musik hören, Freunde treffen oder versäumten Schlaf nachholen.

Lassen Sie kein schlechtes Gewissen zu, weil Sie doch mitten in einer Krise stecken und jetzt „unmöglich faulenzen“ können. Sie tun im Gegenteil etwas sehr entscheidendes: Sie bauen neue Kraftreserven auf. Nur wer für sich selbst sorgt, kann es anschließend auch für andere tun.

Soll man als Chef seinen Mitarbeitern von privaten Sorgen erzählen? Das kann sinnvoll sein, wenn sie für gewisse Zeit den Arbeitsalltag beeinflussen, Sie beispielsweise früher als sonst die Redaktion verlassen müssen. Es verbindet dazu menschlich und zeigt Stärke, Authentizität und Würde, wenn Sie eine persönliche Herausforderung andeuten. Belassen Sie es aber bei einer Randnotiz, wenn nicht der Eindruck entstehen soll, Sie wären davon überwältigt – ausheulen dürfen Sie sich, aber dafür sind Partner, Familie und der engere Freundeskreis da.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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Über den Autoren

Autor, Coach und Geschäftsführer von Media Dynamics

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