Ich kann mich nicht entscheiden

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Wenn es eine Fähigkeit gibt, die Führung definiert, dann ist es die, entscheiden zu können. Das gilt in der alltäglichen Tätigkeit eines Redakteurs, über Themen und deren Umsetzung zu entscheiden, erweitert sich bei einem Ressortleiter auf personelle und finanzielle Fragen und bei einem Chefredakteur oder Geschäftsführer auf Strategien und Investitionen.

Auch im persönlichen Alltag gilt: Wer sich und andere führt, trifft Entscheidungen. Wie soll es mit meinem Job weitergehen? Lebe ich in der richtigen Stadt? Verdiene ich genug? Wie zufrieden bin ich mit meiner Beziehung und auf welche Schule sollen die Kinder?

Manchem fällt das leicht: Ein Blick auf die Situation, und es scheint klar, was zu tun ist. Andere quälten sich wochen- oder monatelang oder zögern so lange, bis andere oder die Umstände für sie entschieden haben. Schon im Vorgespräch mit Coaching-Interessenten zeigen sich mir die Unterschiede: Einer entscheidet sofort, andere „überlegen“ zwei Jahre.

Wie merke ich, dass ich mich schwer entscheide?

Typisch ist ein ewiges ängstliches Abwägen der Argumente, die Gedanken kehren immer wieder auf Start zurück. Mancher spürt unausgesprochene Erwartungen oder offenes Drängen seiner Kollegen („Mein Chef führt nicht, er sitzt alles aus!“) und verkrampft noch mehr. Aktuelle Ereignisse oder Termine wirken wie eine Drohung, dass das nicht ewig so weitergehen könne – und doch setzt sich das Hin und Her bis zuletzt fort.

Häufig sind scheinbar rationale Erklärungen: „Ich muss noch darüber nachdenken.“ Oder, etwas esoterischer, als würde die Entscheidung sich sozusagen selbst treffen: „Das muss noch reifen.“ Tatsächlich liegen aber alle Informationen, die nötig und erhältlich sind, vor, und auch die fünfte Zuarbeit oder eigene Recherche kann die Zweifel nicht beseitigen. Im Gegenteil: Jedes Pro-Argument scheint durch ein Kontra schon wieder aufgehoben.

Was macht Entscheidungen so schwierig?

Die meisten Zweifel entstehen aus einem verständlichen Zwiespalt: Selbst bei bester Vorbereitung liegen niemals alle Informationen vor, und die Folgen einer Entscheidung sind nie ganz vorherzusehen. Man erinnere sich an Vorstandsvorsitzende, die trotz perfekter Planung und besten Intentionen dreistellige Millionenbeträge falsch investiert und verloren haben. Entscheiden ist immer ein Risiko, damit sollte man früh leben lernen.

Daneben mangelte es oft an Methodik: Nicht selten schreiben selbst Führungskräfte mentale oder tatsächliche Listen von Vor- und Nachteilen. Das Problem: Die Argumente in beiden Spalten sind nicht selten recht beliebig, gleichrangig aufgeführt und scheinen sich damit aufzuheben. Dazu: Wie aussagekräftig ist es, dass in einer Spalte mehr Argumente stehen – war man vielleicht einfach nur einfallsreicher als bei den Gegenargumenten?

Wie lerne ich, Entscheidungen zu treffen?

Freunden Sie sich zuerst mit der Grundspannung an, die zum Führen dazugehört: Sie werden immer entscheiden, ohne alle Fakten und Folgen zu kennen. Sie könnten sich dem nur entziehen, indem Sie sich ständig fremdbestimmen lassen. Ersetzen Sie also Ihren Perfektionismus durch Pragmatismus und die Einsicht, dass Sie wahrscheinlich viele Fehlentscheidungen treffen werden, das aber unvermeidbar ist. Das Ziel kann nur sein, dass die guten Entscheidungen langfristig überwiegen.

Selbstverständlich gehört dazu, mögliche Informationen und Folgen zu recherchieren und zu durchdenken, aber auch das Erkennen, wann Sie nichts sinnvolles mehr hinzufügen können und es Zeit ist, nun eine Entscheidung zu treffen. Bei einer Ja/Nein-Entscheidung ist das in den meisten Fällen nach einigen Tagen oder spätestens Wochen der Fall.

Widerstehen Sie der Versuchung, die Verantwortung an andere abdelegieren zu wollen, die Sie „nach Rat fragen wollen“. Das gilt auch für: „Was würdest du an meiner Stelle machen?“ Der andere ist nicht an ihrer Stelle. Fragen Sie andere ruhig, aber eher nach faktischen Informationen oder biographischen Episoden, aus denen Sie Analogien für sich ableiten könnten – etwa, wie die Person damals mit ihren Zweifeln umgegangen ist.

Was die Methodik angeht, gibt es eine Vielzahl an guten Büchern. Wenn Sie Vor- und Nachteile abwägen wollen, versehen Sie die einzelnen Argumente wenigstens mit Punkten zur Gewichtung oder sortieren Sie nach Priorität. Alternativ können Sie die Vor- und Nachteile einer Entscheidung nach kurz- und langfristigen Effekten unterteilen, oft kehrt sich das Verhältnis nach einiger Zeit um – diese Einsicht hilft beim Entscheiden.

Darf ich auch etwas aussitzen, also trotz drängender Umstände monate- oder jahrelang nicht entscheiden? Selbstverständlich, aber das sollte einen Grund haben: Sie wollen zum Beispiel ein bestimmtes Ereignis abwarten oder aus strategischen Gründen auf Zeit spielen, bis jemand anders die Nerven verliert und sich für Sie eine bisher verschlossene Chance auftut. In diesen Fällen können Sie Entscheidungen aber ebenfalls bereits vorwegnehmen, diverse Szenarien durchdenken und sich darauf vorbereiten.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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Über den Autoren

Autor, Coach und Geschäftsführer von Media Dynamics