Immer Streit mit dem Chef

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In den mehr als 25 Jahren, in denen ich selbst in verschiedensten Redaktionen gearbeitet habe, bin ich immer wieder Vorgesetzten begegnet, die als äußerst schwierig galten. Man könne gar nicht mit ihnen auskommen, sie seien aggressiv, streitsüchtig, ständig schlecht gelaunt. Gleichzeitig gab es aber immer auch Kollegen, die sehr harmonisch mit ihnen arbeiteten, größte Loyalität und ein geradezu freundschaftliches Verhältnis erlebten.

Heute höre ich ähnliches von Coaching-Klienten, die sich vor der Kritik ihres Chefredakteurs fürchten, sich in Konferenzen mit ihrem Ressortleiter streiten oder das Gefühl haben, die Digitalmanagerin wolle sie im Newsroom vor allen blamieren, und das aus reiner Gemeinheit. Was tun mit Menschen, die ständig streiten, mit denen man aber doch auskommen muss, weil es Vorgesetzte, Kollegen oder auch Verwandte sind?

Was dahinter steckt: Selbstverteidigung

Zunächst einmal sollten Sie sich klarmachen, dass hinter einem „streitsüchtigen“ Menschen fast immer jemand steckt, der im Grunde unsicher ist: Jemand, der meint, für sich kämpfen zu müssen, weil es sonst kein anderer tut – Angriff als Verteidigung. Nicht selten fühlt er bzw. sie sich selbst isoliert, missverstanden und frustriert, weil nichts ohne Kampf zu funktionieren scheint, und das jeden Tag von der Morgenkonferenz bis zur Layout-Abnahme.

Auf den ersten Blick kann solch eine Person durchaus kraftvoll wirken: Jemand, der für sich und etwas einsteht, „Haltung zeigt“. Über die Zeit bleibt aber niemandem verborgen, wie anstrengend das ist: Ständig zu kämpfen kostet Kraft, die anderswo fehlt, belastet die beruflichen und persönlichen Beziehungen und fördert ungesunde Angewohnheiten, etwa regelmäßigen Alkohol zur Entspannung, „um auch mal wieder runterzukommen“.

Was nicht funktioniert: Widerworte und Zwischentöne

Wenig effektiv ist es, so jemandem zu widersprechen („Aber…“, „Meinst Du denn nicht…“): Widerworte lösen meist nur einen Schwall aus weiteren Angriffen aus. Auch Relativierungen („Na ja, ganz so ist es ja nicht…) funktionieren nicht. Sie kommen bei Ihrem Gegenüber als schwächliche Ausreden an, da diese Menschen in Extremen denken – Freund/Feind, Schwarz/Weiß, Richtig/Falsch – und Zwischentöne gar nicht sehen. Beides führt nur dazu, dass Sie selbst in dieses Konfliktdenken gezogen werden und sich hinterher über Ihre vermeintliche Schwäche ärgern, weil Sie sich „nicht durchsetzen“ konnten.

Was funktioniert: Zustimmen und Akzeptanz

Sehen Sie, wie die Person wirklich ist: Ein wahrscheinlich netter Mensch mit Stärken und Schwächen, der Angst hat, unterzugehen, wenn er nicht ständig kämpft und auf dem, was er einmal für sich als richtig erkannt hat, beharrt – im Grunde also eine schwache Position. Bei einem Streit sollten Sie zuerst einmal zustimmen und sich sogar offen nach Details (was Sie z.B. aus seiner Sicht falsch gemacht haben) erkundigen, das überrascht und entwaffnet.

Wirklich verändern können Sie Ihre Beziehung, wenn es Ihnen gelingt, diesen Menschen, der ihnen selbst vielleicht viel Ärger bereitet hat, mit einem liebevollen Blick zu sehen: Was finden Sie gut an ihm, was respektieren Sie, was interessiert, beschäftigt und besorgt ihn? Sprechen Sie auch ruhig einmal eine ehrlich gemeinte Anerkennung für sein Bemühung aus, das hört er selten und erlaubt umgekehrt, eigene Schwächen einzugestehen – nicht selten wird jemand, der als schwierig gilt, so innerhalb weniger Minuten unerwartet zum Freund.

Dieser Schritt ist selbstverständlich nicht leicht, sondern erfordert viel eigene Überwindung und Selbstreflektion – Sie machen den ersten Schritt, obwohl Sie sich im Recht sehen und es möglicherweise auch ist. (Nur gewinnt man damit keine Menschen für sich.)

Wie Sie Erfolg erkennen: Offenheit und Dialog

Sobald Ihr Vorgesetzter das Gefühl hat, dass Sie ihn wirklich schätzen und akzeptieren, werden Sie eine Veränderung bemerken: Der angeblich schwierige Chef öffnet sich plötzlich, erzählt z.B. mehr von sich und was er sich eigentlich wünscht. Auf einmal ist es möglich, dass er einräumt, dass Sie ebenso Recht haben könnten und dass es gar kein Problem oder eine Schwäche ist, manchmal verschiedene Positionen und Ansichten zu haben.

Es kann durchaus auch sein, dass Sie sich selbst in dieser Beschreibung wiedererkannt haben. Vielleicht finden Sie sich regelmäßig in Streitereien wieder, über die Sie sich später selbst ärgern, oder Sie sehen, wie das Sie und Ihre Beziehungen belastet. Anspannung, Frust und Zorn, der immer wieder herausbricht, kostet auch Sie etwas. Insofern lohnt sich die Mühe, etwas davon loszuwerden. Ganz nebenbei haben Sie dadurch auch weniger Probleme mit dem Betriebsrat oder der Personalabteilung und verbessern ihren Ruf.

Zum anderen kann es sinnvoll sein, die Effektivität Ihrer Bemühungen zu überdenken: Sie haben wahrscheinlich vielen Menschen „mal die Meinung gesagt“ – wie viele aber haben Sie überzeugt und für sich eingenommen? Wahrscheinlich waren Sie durchaus erfolgreich in einigen Konfrontationen, hier könnten Sie sich fragen, ob Sie das gleiche Resultat (oder sogar ein besseres) nicht vielleicht auch anders und leichter hätten erreicht können.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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