Jeder ist sein eigener Chef

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Eine der größten beruflichen Ernüchterungen ist es für viele, nach einigen Jahren feststellen zu müssen, dass sich „niemand mehr um sie kümmert“. Für einen Reporter, Redakteur, Layouter oder Account Manager beginnt die Arbeit jeden Morgen auf ähnliche Weise wieder von vorn – das aktuelle Thema, die kommende Ausgabe, das neue Projekt. Der Vorgesetzte hat seine eigene Sorgen, und die Personalabteilung hat sich nach der Unterzeichnung des Vertrages eigentlich verabschiedet. Echte Karriereberatung kommt von dort selten.

So folgen diese Positionen ihren üblichen Routinen, von Tages- und Redaktionsplänen bis zu den jährlichen Rhythmen von Neujahr („Gute Vorsätze“) bis Silvester („Unser Rückblick“). Manch ein Medienprofi fühlt sich zunehmend an Fließbandarbeit im Akkord erinnert: Immer das Gleiche, aber möglichst immer mehr davon in immer kürzerer Zeit. An diesem Punkt ist es Zeit für einen gedanklichen Wechsel: Lernen, sich selbst stärker zu führen.

Akzeptieren Sie, dass Sie selbst verantwortlich sind

Intellektuell ist den meisten klar, dass sie als erwachsene Berufstätige für sich selbst verantwortlich sind. Aber wirklich zu verstehen, dass man auch in der einfachsten Position bis zu einem gewissen Grad sein eigener Chef ist? Das kollidiert mit vielen unausgesprochenen Erwartungen und manchmal fast kindlichen Annahmen: „Eigentlich ist dafür mein Chef zuständig“, „dafür werde ich nicht bezahlt“, „bin ich es nicht wert, dass man auch einmal darauf schaut, wie es mir geht“, „ich will nicht immer alles selbst sagen müssen“.

Überprüfen Sie also zuerst, wie sich dieser Gedanke für Sie anfühlt: Ich bin mein eigener Chef, auch wenn ich hier nur ein einfacher Angestellter bin. Macht Sie das stolz, wütend, fühlen Sie sich verbittert oder verletzt wegen früherer Enttäuschungen? Normal ist das alles, sollte Sie aber nicht mehr daran hindern, diese – vielleicht neue – Rolle für sich anzunehmen und auszuprobieren. Sie sind selbst für sich verantwortlich, und das gibt Ihnen die Freiheit, sich Ihre Arbeit so weit wie möglich effektiver, sinnvoller und angenehmer zu gestalten.

Ausprobieren, wie flexibel die Stellenbeschreibung ist

In erstaunlich vielen Medienhäusern existieren gar keine Stellenbeschreibungen. Also eine Auflistung, was jeder Mitarbeiter eigentlich genau tun soll – idealerweise mit Benennung der verschiedenen Tätigkeiten und ihrem prozentualen Anteil an der Arbeitszeit. Oft sind die Stellenanzeigen von damals und die Zielvereinbarung, wenn Teile des Gehaltes flexibel sind, die einzigen schriftlich niedergelegten Hinweise. Sonst herrscht vor allem Gewohnheit vor, man tut also, was in dieser Position im Allgemeinen üblich ist und der Chef sagt.

Die Praxis zeigt jedoch, dass die meisten Stellen erstaunlich flexibel gestaltbar sind, wenn sich der Mitarbeiter darum bemüht. Wenn Sie den Nutzen für die Firma sachlich begründen können, wird man Ihnen in den meisten Fällen erlauben, Ihre Stelle bis zu einem gewissen Grad umzubauen. Beispiel: Als Chef vom Dienst sind Sie vielleicht vor allem mit Management (Themen, Beiträge, Mitarbeiter) befasst, wollen aber mehr schreiben. Sie könnten sich einen Tag pro Monat aushandeln, an dem Sie wieder selbst ein Interview oder eine Reportage übernehmen. Vorteil für die Firma: Sie erhalten wichtige Fähigkeiten und bleiben motiviert.

Dieser Schritt setzt voraus, dass Ihnen überhaupt klar ist, was Sie gern und gut machen. Möglicherweise wollen Sie eine Fähigkeit erhalten, vielleicht aber auch stärken. Beispiel: Sie sind als Redakteur eingestellt, würden aber gern üben, zu unterrichten und zu präsentieren. Sie könnten Ihrer Personalabteilung oder Journalistenschule anbieten, für passende Themen als Dozent zur Verfügung zu stehen. Besteht dafür Interesse, wird Ihr Vorgesetzter in den wenigsten Fällen etwas dagegen einwenden können. Nicht selten tut sich sogar unerwartete Hilfe auf, z. B. Budget für eine Weiterbildung oder ein Projekt.

Eigene Ressourcen einschätzen und melden

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Führung von sich selbst ist es, die eigenen Ressourcen richtig einzuschätzen: Die Zeit und Kraft, um anstehende Aufgaben zu erledigen. Ihr Vorgesetzter muss darüber informiert sein, damit Sie nicht dauerhaft unter- oder überfordert sind. Der Grund ist ein Wechsel in den Unternehmenskulturen. War es in der Vergangenheit üblich, Aufgaben zugeteilt zu bekommen, sind es heute zunehmend Ziele, also etwas ist zu erreichen, z. B. ein Traffic- oder Umsatzziel. Wie Sie das tun, ist Ihnen überlassen.

Das gibt zwar mehr Freiheit: Sie können selbst probieren und für sich einrichten, wie Sie am erfolgreichsten arbeiten. Damit wächst aber auch Ihre Verantwortung, Ihrem Vorgesetzten eine klare Rückmeldung zu geben. Welches Ziel ist ehrgeizig, aber realistisch – und was ist eine unsinnige Wunschvorstellung? Argumentieren Sie dabei nicht emotional – Klagen, Stöhnen, Augenrollen, „hört das denn nie auf“? Diskutieren Sie mit Fakten: Wie lange dauert eine Tätigkeit, wie addiert sich das über den Tag? Sie werden auch nicht an einer harten Diskussion über Prioritäten vorbeikommen: Es ist ausgeschlossen, dass alles gleich wichtig ist, auch wenn mancher Chef das zunächst behauptet. Eigenverantwortung beinhaltet also sowohl Ja wie auch Nein sagen zu lernen und das auch klar zu vertreten.

Auch ein rein operativer Job braucht Strategie

In den letzten Jahren hat sich auch bei uns das amerikanische Modell durchgesetzt, selbst den niedrigsten Positionen (in der Hierarchie) einen bedeutsam klingenden Namen zu geben. Kaum ein Sachbearbeiter im Verlag, der heute nicht mehr „Manager“ ist, und auch mancher „Chefreporter“ ist von der Tätigkeit her eher ein Redakteur von vielen. Das ist nicht unbedingt Zynismus der Arbeitgeber: Es ist durchaus sinnvoll, daran zu erinnern, dass jeder einen bedeutsamen Beitrag leistet, der Anerkennung und Respekt verdient.

Gleichwohl handelt es sich bei derartigen Tätigkeiten um rein „operative“ Jobs. Bedeutet: Sie arbeiten im Tagesgeschäft und setzen um, was andere entschieden haben. Beispiel: Ein Redakteur arbeitet an Themen und Texten, die inhaltlich und stilistisch zum Konzept eines Magazins passen, auf das er selbst keinen Einfluss hat. Das ist typisch für eine derartige Position und auch nur begrenzt zu ändern, übrigens auch weder gut noch schlecht. Manche bevorzugen sogar vor allem operative Tätigkeiten (z. B. Recherchieren, Schreiben), andere strategische (z. B. Konzepte erstellen, Budgets und Personalentwicklung).

Trotzdem ist es auch in jeder scheinbar rein operativen Stelle sinnvoll, für sich selbst ein wenig Strategie einzuführen: Wo will ich beruflich und persönlich hin? Vorgesetzten ist das oft selbst nicht klar oder erscheint ihnen nicht besonders bedeutsam. Es ist also auch hier Ihre eigene Verantwortung: Planen Sie in Ihrem Kalender regelmäßig Zeit ein (z. B. eine Stunde pro Monat), in der Sie überlegen und planen, wie Sie arbeiten wollen.

Diese kleine Investition hat nicht das Ziel, Ihren Kalender noch weiter vollzustopfen, sondern das exakte Gegenteil: Gezielt überlegen, was Sie vereinfachen oder ganz streichen, und was Sie stärken und ausbauen wollen. Kurz: Innerhalb Ihres Rahmens so viel Freiheit und eigene Führung zu realisieren. wie nur möglich ist, um Freude zu haben, aber auch sich auf Wunsch für höhere Aufgaben zu empfehlen. Ihr Vorgesetzter wird dazu kaum Nein sagen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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