Unglücklich im Job – kündigen?

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Ich halte das nicht mehr aus. Ich glaube, ich gehe morgen zum Chef und kündige.“ Worte wie diese höre ich doch erstaunlich oft – von einfachen Redakteuren, aber auch langjährigen Führungskräften, und das nicht selten unter beschämten Tränen. Da hat die Erschöpfung ein Maß erreicht, das für sie nicht mehr zu ertragen ist: Die Arbeitsbelastung, die ewige Abwesenheit vom Partner oder Kindern, dazu oft eine tief empfundene Sinnlosigkeit.

Das pendelt jemand vielleicht wöchentlich hunderte von Kilometern zwischen Wohn- und Arbeitsort, manchmal über Ländergrenzen hinweg, arbeitet wegen all der Projekte doppelt so lang wie vertraglich vereinbart (und bezahlt), erlebt mehrmals am Tag beängstigende Schwindel- oder Ohnmachtsanfälle oder bricht zwischen zwei Meetings in Tränen aus. Die Kündigung scheint da wie eine Erlösung – „einfach nur noch weg da“. Das ist möglich, doch oft gibt es bessere Auswege.

Überlegen Sie, wie viel Kraft Sie noch haben

Eine Kündigung ist eine weitreichende Entscheidung, die meist die ganze Familie betrifft, etwa durch den Verlust eines Einkommens oder einen später nötigen Umzug, falls Sie am Wohnort keine neue Stelle finden. Sie sollten sie deshalb nicht in einem Zustand völliger Erschöpfung treffen. Überlegen Sie, wie viel Kraft Sie noch haben: Halten Sie eine Woche durch, bis zum Monats- oder Quartalsende? Schon wenige Tage mehr helfen Ihnen.

Sie können diese Zeit zum Nachdenken und Planen nutzen, aber auch Kontakte auffrischen und erweitern – es hilft sehr, wenn Sie das nicht aus einer Notlage („Ich brauche dringend einen Job!“) tun müssen. Auch Bewerbungen sind aus einer Anstellung heraus leichter: Sie können kritischer prüfen und selbstbewusster verhandeln. Nicht zuletzt können Sie Ihre Ersparnisse noch etwas auffüllen oder eventuell vorhandene Schulden verringern.

Senken Sie Ihre Belastung sofort so weit wie möglich

Die meisten Klienten, die ich in dieser Situation kennengelernt habe, fühlen sich trotz allem immer noch verantwortlich für ihren aktuellen Arbeitgeber, laufende Projekte und ihre Kollegen. Versuchen Sie jedoch, Ihre Belastung möglichst sofort zu senken: Sie brauchen jetzt Zeit und Kraft, um langfristige Entscheidungen klug zu treffen, aber auch für ganz praktische Schritte wie Recherchen, berufliches Networking, erste Bewerbungen.

Wenn möglich, senken Sie daher die Zahl der Überstunden und Dienstreisen, geben Sie Projekte ab oder investieren Sie nur noch so viel Zeit, wie wirklich nötig. Auch privat sollten Sie herunterfahren. Bleiben Sie zu Hause, sagen Sie die teure, anstrengende Urlaubsreise vielleicht ab, schlafen Sie sich aus, verzichten Sie auf Extremsport. Viele sind in dieser Phase sowieso kränklich (z. B. ständige Infektionen), jede Ruhepause hilft Ihnen.

Prüfen Sie, welche Fristen für Sie wichtig sein könnten

Ihre vertragliche Kündigungsfrist und der letztmögliche Termin zum Einreichen, etwa der 30. des Monats, sind Ihnen sicher bekannt. Rechnen Sie dazu auch für sich durch, wie viele Urlaubsansprüche Sie haben – sie verringern die Zeit, die Sie noch arbeiten müssten, oft beträchtlich. Prüfen Sie, welche weitere Fristen für Sie relevant sein könnten. Würde sich beispielsweise eine mögliche Abfindung erhöhen, wenn Sie noch einige Zeit blieben? (Für den Fall, Sie bitten um die Kündigung oder vereinbaren eine Vertragsaufhebung.)

Umgekehrt kann es auch sein, dass sich Ihre Kündigungsfrist wegen des Lebensalters oder der Dauer der Betriebszugehörigkeit verlängern würde, wenn Sie zu lang blieben – auch hier sollten Sie daher wissen, wann der ideale Kündigungstermin für Sie wäre. Erkundigen Sie sich auch nach Ansprüchen und möglichen Sperrfristen beim Arbeitslosengeld – und wenn Sie in der Vergangenheit im Ausland gearbeitet haben, auch bei den dortigen Stellen.

Nutzen Sie die Chancen des alten Jobs, so lange es geht

Selbst der problematischste Job bieten noch viele Chancen, die Sie nutzen sollten, so lange es geht: Ihre Visitenkarte kann Ihnen jetzt noch Kontakte und Zugänge verschaffen, die Sie später nicht mehr so einfach haben – verabreden Sie sich deshalb, treffen Sie alte und neue Geschäftskontakte (ohne sofort von Ihrer geplanten Kündigung zu erzählen). Werden Sie sichtbar, etwa bei Medienhäusern, bei denen Sie bisher kaum jemanden kennen.

Viele Journalisten müssen noch ihr privates Archiv vervollständigen, also pdf-Versionen ihrer Artikel sichern, so lange sie noch Zugang zum Archiv haben, andere ihr Kontaktarchiv oder wichtige E-Mails aus Outlook herunterladen. Es kommt vor, dass Mitarbeiter auch nach einer gütlichen Trennung gebeten werden, das Unternehmen innerhalb einer halben Stunde zu verlassen, „um keine Unruhe ins Team zu bringen“. Bereiten Sie also alles vor.

Manchmal fällt auf, dass Klienten bereits mehrere ähnliche Episoden hatten: Zu lange in einem ungünstigen Job ausgehalten, zu wenig gesagt, dann überhastet gekündigt und wegen anschließender Arbeitslosigkeit die nächste problematische Stelle angenommen. Das sollte Anlass sein, einige grundsätzliche Aspekte zu überdenken: Die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, zu kommunizieren und gegen Widerstände durchzusetzen.

Ist die Entscheidung für die Kündigung erst einmal innerlich gefallen, zeigt sich bei vielen oft plötzlich eine große Ruhe und kühle Überlegtheit: Man wickelt den alten Job ab, organisiert den Anschluss und verabschiedet sich langsam. Es ist eine enorme Erleichterung zu wissen, dass die extreme Belastung sehr bald vorbei sein wird. Das Kündigungsschreiben, vorbereitet und zum passenden Zeitpunkt übergeben, ist dann nur noch Formsache.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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