Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?

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Wenn Bewerbungsgespräche an ihrem Ende angekommen sind und eigentlich alles gesagt ist, kommt häufig noch eine Frage: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Sie wird oft nur aus Verlegenheit gestellt, dem Fragenden fiel nichts Besseres mehr ein, manchmal auch in der Annahme, sie wäre besonders raffiniert und unerwartet (dabei erwähnt sie jedes Bewerberhandbuch nach „Was ist Ihre größte Schwäche?“). Gleichwohl sollten gerade Medienprofis tatsächlich darüber nachdenken: Wo bin ich in fünf Jahren?

Die besondere Bedeutung für Journalisten ergibt sich natürlich aus den Umbrüchen der Branche. Hier verschwindet das Auslandsressort und der Feuilleton der Lokalzeitung, dort erscheint die gedruckte Ausgabe der Sonntagsausgabe nicht mehr. Einige Verlag scheinen alle ihre Titel in einer Redaktion verschmelzen zu wollen, natürlich mit entsprechendem Personalabbau, und die Online-Anzeigen, die alles retten sollten, gehen zu 90 Prozent zu Facebook und Google. Andererseits: Immer neue Digitalportale, Corporate Publishing mit teilweise äußerst hochwertigen Publikationen, innovative Videoformate und Apps.

Überdenken Sie Ihren aktuellen Marktwert

Eine erste ehrliche Reflexion könnte den aktuellen Marktwert betreffen: Wo könnten Sie sich bewerben, wenn Ihre Stelle heute entfallen würde – wie wären die Chancen und was würden Sie verdienen? Erhellend ist ein Blick in die Jobbörsen der Medienhäuser selbst. Beispiel Axel Springer: 622 freie Stellen aufgelistet, mehrheitlich aber in IT und Management, nur 72 in den Redaktionen, verteilt von Schwabach bis San Francisco. Davon sind 30 Praktika und Studentenjobs. Was übrig bleibt, trägt unter anderem Bezeichnungen wie Junior Editorial Data Analyst, Story Producer Video oder Technical Operations Support Engineer.

Ein Problem ist das vor allem für klassische Journalisten über 40, mehrheitlich langjährige Textredakteure sowie Ressortleiter und höher bei Tageszeitungen und Magazinen. Sie sind vielen Medienhäusern, wenn auch nicht offen gesagt, zu alt und zu teuer. Auch hier ein Blick in einen beispielhaften Stellenmarkt: Sämtliche Redaktionen von Burda suchen bundesweit aktuell 18 „Professionals“, wobei diese Kategorie schon einen Praktikanten, einen Volontär und eine Teilzeitstelle beinhaltet – und 63 studentische Mitarbeiter. Eine weitere Hürde sind zu geringe Kenntnisse in Bereichen wie IT, Social Media, Video, Projektmanagement.

Das sollte Sie nicht enmutigen. Journalisten profitieren von berufstypischen Kompetenzen. Sie können sich besser als viele ausdrücken und auch vernetzen, kennen durch Reportagen und Interviews mehr von der Welt als andere (inklusive anderer Branchen) und sind daran gewohnt, sich schnell in ein neues Thema einzuarbeiten. Allerdings sind auch anderswo die Ansprüche inzwischen gestiegen. PR, Kommunikation und Corporate Publishing, beliebte Alternativen, erwarten heute nicht selten bereits Erfahrung in Agenturen oder Pressestellen, außerdem Digitalkompetenz und vielleicht eine BWL- oder Marketing-Weiterbildung, falls Sie nicht gerade ein ehemaliger Chefredakteur sind, der sein Netzwerk einbringen kann.

Überprüfen Sie Ihr Profil und Ihre Qualifikationen

Ein Ergebnis Ihrer Reflektion könnte also sein, an Ihrem Profil zu arbeiten: Wofür stehen Sie, worin sind Sie gut, vielleicht sogar besser als viele andere? Aus der Anonymität eines Newsrooms bewirbt es sich schlecht, und so kann es sinnvoll sein, sich thematisch zu spezialisieren, so weit das möglich ist, um eine gewisse Branchen-Kompetenz und Kontakte neben dem Journalismus aufzubauen. Daneben ein Blick auf Ihre Qualifikationen – dabei geht es nicht darum, sich in Fortbildungen und Sprachkurse zu zwingen, sondern im Gegenteil sehr überlegt danach auszuwählen, was zu Ihnen und Ihrer Biografie passt.

Viele Medienprofis finden sich in der Situation wieder, immer wieder nur für die gleichen Jobs in Frage zu kommen. Wer einmal erfolgreich ein Lokalportal aufgebaut hat, soll es für den nächsten Verlag tun. Wer ein guter People-Redakteur ist, erhält immer wieder nur Angebote von anderen People-Magazinen. Das ist zunächst einmal eine Anerkennung und auch ein gewisser Vorteil, kann aber langfristig in eine Nische führen, die sich als Sackgasse herausstellt. Hier bewährt sich oft eine Parallelstrategie: Weiter im erfolgreichen Bereich arbeiten, aber dazu einige komplementäre Erfahrungen (z. B. eigene Projekte) sammeln.

Denken Sie nicht in Zielen, sondern in Methoden

Was wäre also eine sinnvolle Antwort auf die Frage nach den fünf Jahren? Ehrlicherweise würde sie nur ein Berufsanfänger wörtlich nehmen: Wer Karriere bisher nur aus Büchern und Zeitschriften kennt, hat noch eine sehr mechanistische Vorstellung – dass alles planbar sei und dann auch so komme. Mit dem Lebensalter zeigt sich, dass das, was rückwirkend die Karriere bildet, eine Mischung aus eigenen Anstrengungen und Fehlern war, aus günstigen Zufällen und unverschuldeten Rückschlägen, manche scheinbare Tragödie stellte sich dabei später als Glück heraus und umgekehrt. Kurzum: Wirklich vorhersehbar war nur wenig.

Denken Sie also nicht in starren Zielen, sondern in Methoden, die die Wahrscheinlichkeiten verbessern: Das ist das, wie Sie aktuell leben – Ihre Gewohnheiten vom Tagesablauf über die Arbeitsmoral bis zu Weiterbildung und Kontaktpflege. Was Sie da investieren, wird sich auszahlen, wenn Sie jetzt auch noch nicht wissen können, wie im Detail. Und zweitens in eine generelle Richtung: Wo wollen Sie ganz allgemein hin, das wären Wünsche in Bezug auf Lebensstil, Familie, Wohnort. Daraus leiten sich Ihre Entscheidungen ab, wo Sie sich beispielsweise bewerben, welche Beförderungen Sie annehmen oder auch ablehnen.

In der Summe geht es also darum, bewusst nach vorn zu blicken, aber nicht mit Sorge und Angst, sondern mit begründetem Optimismus. Und ansonsten können Sie beim Bewerbungsgespräch antworten: „Ich hoffe, mein Leben wird nicht derart langweilig und vorhersehbar, dass ich heute bereits im Detail weiß, was ich in fünf Jahre mache.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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