Keine Zeit mehr für Journalismus

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Ich bin nicht besonders alt, 43 Jahre, kann mich aber noch erinnern, meine ersten Artikel auf Durchschlagpapier auf einer Schreibmaschine getippt zu haben. Der restliche Arbeitstag stand für Recherchen, den Austausch und auch das interne Gespräch zur Verfügung, aus dem sich regelmäßig neue und ungewöhnliche Ideen ergaben.

Inzwischen höre ich von vielen Klienten: „Zu meiner eigentlichen Arbeit, nämlich der, für die ich überhaupt Journalist geworden bin, komme ich gar nicht mehr. Ich sitze den ganzen Tag vorm Computer fest und bin hauptsächlich mit technischen Nebenarbeiten beschäftigt. Aber eine echte Recherche, Menschen treffen das ist zeitlich gar nicht mehr drin.“

Was tun, wenn Sie zwar offiziell noch immer Redakteur sind, aber nebenbei auch noch Foto-Recherche, Grafik, Online-Produktion und Social-Media-Betreuung übernehmen? Hier sechs Schritte, mit denen Sie sich Ihre Selbstbestimmung zurückerobern können.

1. Übernehmen Sie die Verantwortung für sich selbst

Es ist nachvollziehbar, sich hilflos zu fühlen (“Ich kann ja sowieso nichts ändern!”) oder auch wütend zu sein (“Der Verlag hat ja keine Ahnung, was er uns hier alles aufbürdet.”). Beides wird Ihnen aber vor allem Energie rauben, ansonsten nicht viel verändern. Entscheiden Sie sich deshalb, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen: Erkunden Sie Ihre Möglichkeiten, besorgen Sie sich fehlende Informationen und treffen Sie danach Ihre Entscheidungen. Gehen Sie davon aus, dass andere es nicht in Ihrem Sinne tun werden.

2. Protokollieren Sie Ihren aktuellen Arbeitsalltag

Unterlegen Sie Ihre Unzufriedenheit als erstes mit Fakten: Notieren Sie sich einen Tag lang in 15-Minuten-Schritten, wie Ihr Arbeitsalltag aussieht. Tragen Sie die Daten in eine Tabelle ein, z. B. Excel, die Sie nach Tätigkeiten ordnen können und die Zeiten dafür addieren.

Möglicherweise stellen Sie dabei fest, dass Sie nur 25 Prozent Ihrer Arbeitszeit überhaupt noch mit journalistischen Tätigkeiten beschäftigt sind und Ihnen das zu wenig ist. Finden Sie auch heraus, welche Tätigkeiten Sie möglichst an andere abgeben möchten.

3. Bilden Sie sich ein eigenes Urteil über Technik 

Man hat Ihnen sicher gesagt, diese Technologie oder jene Plattform “müsse” man jetzt kennen und einsetzen aktuell vielleicht Periscope, Snapchat oder 360-Grad-Videos. Bilden Sie sich darüber selbst ein kompetentes Urteil. Vieles wird von den vermeintlichen Experten der Stunde übertrieben und ist nach kurzer Zeit schon wieder vergessen.

Probieren Sie alles mindestens einmal aus und versuchen Sie ernsthaft zu verstehen, was andere daran reizvoll oder wichtig finden. Sie sollten die (oft nur rhetorisch gestellte) Frage beantworten können: „Und wozu soll das gut sein?“ Denken Sie daran, dass Sie als Journalist oft nicht die Zielgruppe sind, sondern der Service nur Ihr Werkzeug ist.

4. Finden Sie heraus, was zu Ihnen passt

Achten Sie beim Herumprobieren auf Ihr Gefühl: Was macht Ihnen Spaß, was interessiert und begeistert Sie? Lernen Sie mehr darüber: Lesen Sie Artikel, sehen Sie sich Anleitungen z. B. auf YouTube an. Vielleicht bietet Ihr Arbeitgeber sogar ein Seminar dazu an.

Es ist eine Option für Sie, sich auf einen neuen Aspekt Ihrer Tätigkeit zu spezialisieren: Sie tun etwas, das Ihnen sowieso Freude macht, eröffnen sich neue Karriere-Chancen und verwenden automatisch weniger Energie für Dinge, die Sie sowieso nicht gut finden.

5. Finden Sie Verbündete unter Ihren Kollegen

Häufig kommt es vor, dass sich Aufgaben innerhalb eines Teams so neu aufteilen lassen, dass es alle zufriedener macht. Möglicherweise wollen Sie z. B. keine Videos produzieren, aber Ihr Kollege – Sie wiederum sind vielleicht interessierter an langen Texten als er.

Suchen Sie sich daher Verbündete und arbeiten Sie einen Vorschlag aus, den Sie Ihrem Vorgesetzten machen können. Beispiel: Jeder erhält abwechselnd einen festen Tag in der Woche für Recherchen außerhalb der Redaktion und ist vom Online-Dienst befreit.

6. Gestalten Sie sich einen neuen Tagesplan

Der Tagesplan, den Sie in Ihrem Protokoll niedergeschrieben haben, ist von anderen und oft auch nur von der bisherigen Routine vorgegeben worden. Schreiben Sie sich deshalb einen neuen Plan, wieder in 15-Minuten-Schritten, der möglichst viele Ihrer Interessen aufnimmt.

Legen Sie gleichartige Tätigkeiten möglichst zusammen und planen Sie Zeiten ein, in denen Sie Ihre “Spezialisierung” üben und anwenden können, außerdem – anderes Thema – feste Zeiten, in denen Sie Ihr Netzwerk pflegen (z. B. einmal pro Woche frühere Kollegen treffen).

Aus der Erfahrung heraus zeigt sich, dass Arbeitsplätze oft erstaunlich flexibel sind und viele Unternehmen Ihre Mitarbeitern unterstützen, wenn Sie einen durchdachten Vorschlag präsentieren oder aber Sie erkennen, dass es Zeit für ein ganz neues Kapitel ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de

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