Hilfe, mein Kollege jammert ständig

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Vor etwa zehn Jahren lernte ich eine Redakteurin kennen, die gegen ihren Willen in eine neue Redaktion versetzt worden war – das Ressort, für das sie vorher schrieb, war verkleinert worden. Sie war verbittert über ihren Chefredakteur, beklagte sich in jeder Mittagspause über den Verlag, die Arbeit, die Branche insgesamt, „aber ich finde ja nichts anderes“. Sie ist noch immer da, arbeitet solide, wirkt aber angespannt und zynisch.

Wie gehe ich mit jemandem um, der immer nur klagt und doch nichts ändert? Das kann der Newsroom-Kollege sein, der beruflich festsitzt und unglücklich ist, aber doch völlig passiv. Die Freundin, die ihr Leben als Dauersingle beklagt, aber an wirklich jedem Mann etwas auszusetzen hat. Die einsame Mutter, die jeden Abend anruft und durch subtile Vorwürfe („Hauptsache, Euch geht es gut!“) Aufmerksamkeit erpresst. Dazu einige Empfehlungen.

Wer immer nur jammert, fühlt sich machtlos

Zuerst einmal: Es gibt keinen Grund, auf so jemanden wütend zu sein. Wer immer nur jammert, fühlt sich machtlos, anderen Menschen und den Umständen ausgeliefert, hier etwa den Umbrüchen in der Medienbranche oder seiner ganz persönlichen Situation. Das ist keine raffinierte Taktik, auch wenn es so scheinen mag: Diese Personen sehen durch ihren „Tunnelblick“ tatsächlich nur wenige oder gar keine Auswege und haben sehr wenig Energie. Einerseits ist ihre Opferrolle bequem und verhilft zu Mitgefühl und Aufmerksamkeit ohne große eigene Anstrengung, andererseits ist sie aber erschöpfend für alle Beteiligten.

Was nicht funktioniert: Ratschläge und Erklärungen

Die meisten wohlmeinenden Menschen wollen helfen, wenn es jemandem offensichtlich nicht gut geht. Das ist nobel, funktioniert hier aber nicht. Geben Sie Ratschläge („Versuch doch mal…“) werden diese durchweg als unrealistisch und nicht machbar abgelehnt, die ausführlichen Erklärungen dazu klingen durchaus logisch und nachvollziehbar. Wollen Sie aufmuntern („Sieh doch auch mal die positive Seite…“), kommt das als Unverständnis an, „Du hast ja gar keine Ahnung, wie es mir geht.“ Beides führt dazu, dass Sie ungewohnt mitspielen, sich immer neue Klagen und Beschwerden anhören müssen und dazu noch ungewollt die Verantwortung aufgedrängt bekommen, als wäre das jetzt Ihr Projekt.

Was funktioniert: Zustimmen, Verantwortung zurückgeben

Erfolgreicher ist, einfach zuzustimmen: Ja, es ist schrecklich, furchtbar, aussichtslos – „als Journalist hat man wirklich gar keine Chance mehr“, „alle Männer sind schrecklich“, „es ist wirklich schlimm, gar keine Freunde zu haben.“ Und dann abwarten und keine Hilfe anbieten, auch wenn es Sie dazu drängt und Sie vielleicht eine wirklich gute Idee haben, das Problem zu lösen. Die Person muss verstehen, dass sie die Verantwortung zurückerhält: Alles wird so bleiben, wenn sie das so will, und das kann ewig so weitergehen.

Dieser Moment sorgt oft schon für Verblüffung, weil Sie wahrscheinlich seit Jahren mitgespielt haben, immer neue Vorschläge gemacht, die verworfen worden, doch wieder zugehört… Das ist nun vorbei. Schleifen aus immer gleichen Erinnerungen, Klagen oder Erwägungen sollte Sie durchbrechen: Zusammenfassen („Du erzählst ja immer wieder, dass…“) und zurückgeben („Was willst Du jetzt tun?“). Wichtig und vielleicht gar nicht so leicht für Sie: Halten Sie die Spannung aus, dass Sie selbst keine Hilfe anbieten.

Wie Sie Erfolg erkennen: Ihr Gegenüber probiert etwas

Dass Ihre veränderte Kommunikation wirkt, erkennen Sie daran, dass Ihr Gegenüber bemerkt, dass die bisherige Methode nicht mehr funktioniert: Sie stehen nicht mehr als Seelsorger und Dauerhelfer zur Verfügung. Es kann sein, dass Sie damit uninteressant werden und sich die Person jemand Neues sucht – oder aber, sie erwägt zaghaft, dass es vielleicht doch nicht ganz sinnlos und aussichtslos wäre, mal etwas anderes zu probieren, sich z. B. mal im PR-Bereich umzusehen, Hobbys zu beginnen, Events zu besuchen usw.

Frühestens dann können Sie praktische Tipps anbringen, etwa von eigenen Erfahrungen berichten. Aber auch hier gilt: Lassen Sie Ihr Gegenüber machen und selbst entscheiden. Es braucht Zeit für diese Erkenntnisprozess – wer ständig „helfen“ will, reißt die Verantwortung an sich und verhindert das. Als Analogie: Wenn sich Ihr Kind mit dem Hausaufgaben abmüht und Sie sie aus Ungeduld wegnehmen und selbst erledigen, sparen Sie nur scheinbar Zeit – sie verhindern gleichzeitig den Lernprozess und schwächen sein Selbstbewusstsein.

Was, wenn ich derjenige bin, der immer klagt?

Was nun, wenn Sie sich eingestehen müssten, dass Sie derjenige sind, der ständig klagt und doch nichts ändert? Dann kennen Sie die Selbstzweifel, Unsicherheiten und Sorgen und wissen, dass jeder Ratschlag höchstens noch das schlechte Gewissen verstärkt, weil man ihn ja doch nicht umsetzen kann. Vielleicht sind Sie seit Jahren im Job überlastet, in der Mailbox stehen hunderte ungelesene E-Mails, zu Hause stapelt sich Unerledigtes, z. B. bergeweise Steuerunterlagen oder ungebügelte Wäsche, sie schlafen schlecht und finden nun einmal nicht die Kraft für Bewerbungen oder was auch immer jetzt tatsächlich sinnvoll wäre.

Für Sie ist ein Schritt davor wichtig: Sich ehrlich damit auseinanderzusetzen, warum Sie so kraftlos und passiv auftreten, Entscheidungen und Konfrontationen vermeiden, sich gefangen und fremdbestimmt fühlen. Fast immer resultiert das aus Erfahrungen, in denen es früher einmal tatsächlich besser war (oder gewesen wäre), klein und schwach aufzutreten. Hier können Therapie oder andere Methoden der Selbstreflektion, etwa niedergeschriebene Erinnerungen, gute Mittel sein, um dieses Kapitel zu schließen und zu neuer Kraft, Klarheit und Selbstbestimmung zu gelangen und Ihr Leben wieder selbst zu gestalten.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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