Kündigen, ohne etwas Neues zu haben?

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Es kommt erstaunlich oft vor, dass Medienprofis, die sich eigentlich für sehr rational halten, etwas sehr irrationales tun: Sie kündigen ihren Arbeitsvertrag, ohne etwas Neues zu haben. Gründe dafür gibt es viele: Stress oder Frust, der nicht mehr auszuhalten scheint. Der Wunsch nach Abstand („ich muss mal in aller Ruhe nachdenken, wie es weitergehen soll“), eine geplante mehrmonatigen Reise. Da erscheint die Kündigung wie ein Befreiungsschlag.

Sehr schnell stellt sie sich jedoch oft als falsche und zudem teure Entscheidung heraus: Die Suche nach einer neuen Stelle ist schwieriger als erwartet. Die Weltreise kostete mehr als geplant, und vor Ort fanden sich keine Nebeneinkünfte. Wer arbeitslos und zunehmend in Geldnot ist, tritt bei Bewerbungsgesprächen auch weniger überzeugend auf und kaum zudem kaum etwas heraushandeln. So sind Eigenkündigung zwar eine Möglichkeit, die aber hohe Risiken in sich birgt. Um mögliche Alternativen dazu soll es heute gehen.

Viele müssen am Ende zurück in den alten Job

Eine Chefreporterin kündigte ihre Stelle in einer Fernsehredaktion, weil sie den Stress nicht mehr aushielt. „Ich konnte mir nicht vorstellen, da nur noch einen Tag länger hinzugehen“, meinte sie. Sie fand allerdings auch nach mehreren Monaten keine vergleichbare oder gar bessere Stelle, was ihr Selbstvertrauen zunehmend schwächte. Sie hatte wenig Ersparnisse, lebte vor allem vom Dispokredit und kleinen Gelegenheitsaufträgen. Schließlich nahm sie eine Stelle bei einem früheren Arbeitgeber an, von der sie nur zufällig durch ehemalige Kollegen erfuhr. Damit war sie allerdings genau wieder da, wo sie nicht mehr sein wollte.

Ein Produktmanager erfüllte sich den Traum von einer viermonatigen Asienreise. Er hatte Geld für diesen Zeitraum zurückgelegt und zusätzlich eine Reserve für zwei weitere Monate. Er hatte aber nicht ausreichend bedacht, dass er während seiner gesamten Abwesenheit kaum effektiv nach Arbeit für die Zeit danach suchen konnte: Er war räumlich und auch gedanklich woanders, schwer telefonisch erreichbar und las E-Mails nur mit Verzögerung. Erst fünf Monate nach Rückkehr fand er eine neue Stelle, die aber deutlich schlechter bezahlt war. In der Zwischenzeit war er finanziell auf seine Partnerin angewiesen.

Viele Hoffnungen stellen sich als zu optimistisch heraus

Solche ernüchternde Erlebnisse sind eher die Regel als die Ausnahme: Die Hoffnungen (dass man z. B. sehr schnell eine neue Stelle finden würde, wenn man nur wollte) waren optimistisch. Die Risiken (z. B. unerwartete zusätzliche Belastungen wie eine Autoreparatur) wurden dagegen deutlich unterschätzt. Grundsätzlich sollten Sie daher nur im Ausnahmefall eine Stelle kündigen, ohne einen Anschluss zu haben. Besondere Vorsicht ist in diesen Situationen geboten:

  • Wenn Sie das Gefühl haben, ausgebrannt zu sein oder gemobbt zu werden. Falls auch kein längerer Urlaub hilft, sprechen Sie mit einem Arzt. Eine Krankschreibung und Behandlung ist oft die bessere Option als eine überstürzte Kündigung.
  • Wenn Sie keine Ersparnisse haben, mit denen Sie mehrere Monate ohne Einkommen abdecken könnten. Bedenken Sie, dass Sie bei Eigenkündigung bis zu zwölf Monate kein Arbeitslosengeld I erhalten, aber alle Kosten weiterlaufen.
  • Sie eine berufliche Situation erreicht haben, für die Sie formell unterqualifiziert sind. Beispiel: Führungsposition ohne Studienabschluss, der bei einer Neubewerbung zwingend wäre. Hier ist es oft sinnvoller, zuerst eine Weiterbildung abzuschließen.
  • Sie meinen, kündigen zu müssen, um „erstmal über alles nachdenken“ zu müssen. Der Wunsch nach Abstand ist nachvollziehbar, der Preis und die Risiken jedoch sehr hoch. Mögliche Alternativen: Vorübergehende Teilzeit oder unbezahlter Urlaub.
  • Sie frustriert sind und nun die Chance nutzen wollen, sich selbständig zu machen, aber noch kein durchdachtes Geschäftsmodell mit ersten Kunden sowie Startkapital haben. Hier sollten Sie zuerst zur Gründerberatung und nebenberuflich starten.

Daneben gibt es aber auch die Situation, in denen eine Eigenkündigung kein finanzielles Risiko darstellt. Einige Medienprofis können wegen vorhandener Erbschaften oder gut verdienenden Partner oder Eltern problemlos längere Zeit aussetzen. Hier liegt die Herausforderung eher darin, nach einiger Zeit als „Privatier“ (gelegentliche kleine Aufträge, sonst aber Familie und Hobbys) wieder die Motivation für ein reguläres Berufsleben zu finden oder eine Selbständigkeit aufzubauen, die auch wirtschaftlich tragfähig ist.

In allen anderen Fällen sollten Sie nicht kündigen, ohne eine neue Arbeit sicher in Aussicht zu haben, also zumindest eine schriftlichen Einstellungszusage oder besser einen bereits unterschriebenen Vertrag. Bereits damit tragen Sie gewisse Risiken, dass etwa der neue Job nicht passt oder Sie die Probezeit nicht bestehen. Deutlich mehr Risiko ist für die meisten Medienprofis, zumal mit Familie und Hausfinanzierung, nicht empfehlenswert. Wenn Sie trotzdem unbedingt aus ihrem aktuellen Job wollen, widmen Sie sich mit aller Kraft der Suche nach Alternativen anstatt auf einen Befreiungsschlag mit Happy End zu hoffen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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