Lebenslüge „im Moment gestresst“

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Es gibt in einer schwierigen Situation wenige Gedanken, die tröstlicher sind als derjenige, dass alles bald wieder besser werde. Vielleicht sind Sie „im Moment“ unglücklich in Ihrem Redaktionsjob, fühlen sich zerrissen zwischen Ihrer Familie und einem interessanten, aber sehr kräftezehrendem Projekt oder kommen „im Moment“ kaum noch dazu, ausreichend zu schlafen, gesund zu essen und ein wenig Sport zu machen. Aber in diesem „im Moment…“ schwingt unausgesprochene Hoffnung mit: Bald wird alles wieder besser, wieder normal.

In der Coaching-Praxis sehe ich allerdings, wie oft aus diesem „im Moment…“ schleichend eine Lebenslüge wird: Die Beschönigung einer echten Fehlentwicklung, mit der man selbst nicht zufrieden ist, die aber die neue Normalität darstellt. Das Ausharren in einem Vertrag ohne Zukunft mit Halbherzigkeiten zwischen Urlaubsreisen und einer lustlosen Bewerbung, in Beziehungen, die schon vor Jahren hätten völlig verändert oder beendet werden müssen, das Ignorieren ganz grundlegender Bedürfnisse wegen ständiger Überlastung.

Natürlich hat dieses „im Moment…“ seine Vorteile: Es suggeriert ein Problem, das wieder vorübergeht, wahrscheinlich sogar von selbst. Dieser Gedanke entlastet und beruhigt: Ich kann im Grunde so weitermachen, ich muss nur durchhalten. Die gegenteilige Einsicht wäre das Eingeständnis, dass ein sehr grundsätzliches Problem vorliegt, dass Sie selbst etwas verändern müssen und es überhaupt nicht klar ist, ob Sie allein die Kraft dazu finden. So ist dieser „im Moment…“ Trost, Mittel zum Durchhalten und Betäubung zugleich. Gleichwohl gibt es Wege zu einer neuen Perspektive – dazu vier Schritte, die dabei helfen können.

1. Stellen Sie fest, wann die Situation begonnen hat

Der erste Schritt sollte sein, darüber nachzudenken, wann dieses „im Moment…“ begonnen hat. Sie stecken in einem Newsroom-Job fest, der Sie gleichzeitig stresst und anödet – seit wann sind Sie da, wann war Ihre letzte Beförderung? Sie haben Geldsorgen, weil Ihr Partner nichts verdient und die Verantwortung allein bei Ihnen liegt – seit wann? Sie sind pausenlos durch Projekte überlastet und finden selbst für alltägliche Dinge, etwa Zeit mit Ihren Kindern, für Sport oder Freunde, keine Kraft mehr – zu welchem Zeitpunkt hat das angefangen?

Manchmal ist die Einsicht, dass das vielleicht schon seit fünf oder zehn Jahren so geht (oder nie anders war) schmerzlich, beschämend oder peinlich. Sie sollten sich dafür aber nicht verurteilen: Ihre Entscheidungen haben Sie auch dahin gebracht, wo Sie jetzt sind, hatten also durchaus ihren Sinn. Nun ist es nur möglicherweise Zeit für ein neues Kapitel – eines, in dem Sie andere Schwerpunkte setzen wollen. Diese Reflektion ist wichtig dafür, denn sie beseitigt die Selbsttäuschung und lässt Sie mit Ehrlichkeit sich selbst gegenüber beginnen.

2. Prüfen Sie, ob ein Ende absehbar ist

Manche Probleme lösen sich tatsächlich von selbst, daher sollten Sie über diese Möglichkeit nachdenken: Ist ein Ende realistisch und zeitnah absehbar? Beispiel: Sie sind gestresst (und haben zehn Kilo zugenommen), weil sie seit zweieinhalb Jahren berufsbegleitend studieren, aber es ist absehbar, dass Sie in sechs Monaten abschließen und sich dann wieder mehr um sich selbst kümmern können. Auch das Auslaufen eines Vertrages, ein bereits geplanter Umzug mit dem Partner oder eine zugesagte Beförderung sind typische fixe Endpunkte.

Häufiger allerdings sind gedachte Zeitspannen viel zu lang („wenn die Kinder aus dem Haus sind“) oder überhaupt nicht absehbar („wenn meine Eltern mal nicht mehr sind“). Auch die ständige Wiederholung einer Situation ist ein Indiz, dass Sie nicht mehr warten, sondern selbst und jetzt aktiv werden sollten. Beispiel: Es belastet Sie seit Jahren, dass Sie wegen Ihres Jobs getrennt von ihrer Familie leben, aber immer neue Projekte Ihres Arbeitgebers, durchaus interessant und mit tollen Kollegen, bringen Sie immer wieder davon ab.

3. Denken Sie über Ihren Alltag hinaus

Medienberufe haben eine ganz eigene Sogwirkung, und das ist durchaus positiv gemeint: Wer bei einer Tageszeitung, einem Magazin, Sender oder Onlinemedium arbeitet, hat immer Ausnahmezustand – das ist geradezu die Natur des Berufes. Die Themen wechseln ständig, Ereignisse drängen auf Sie ein, noch schlimmer sind Tage, an denen „nichts los ist“, aber trotzdem etwas produziert werden muss, Abgabe- und Produktionsfristen fordern Sie. Das ist der wunderbare Rausch des Journalistenberufes, der manchmal aber auch den eigenen Alltag etwas überschattet und irgendwie fast nebensächlich erscheinen lässt.

Versuchen Sie daher, sich auch einmal an die Endlichkeit von allem zu erinnern und an den Wert Ihrer Lebensjahre: Wie soll das eigentlich weitergehen, wie wünschen Sie sich Ihr Leben? Wollen Sie da, wo Sie jetzt sind, in weiteren fünf oder zehn Jahren noch sein und falls nicht, wie soll sich das ändern? Es geht also darum, nicht weiter auf „Autopilot“ durch Ihren Alltag zu rasen, sondern einmal zu überlegen, zu welchem Ziel. Möglicherweise wollen Sie das meiste so lassen, nur Details verändern, vielleicht aber auch etwas ganz anderes.

4. Überlegen Sie, was hat Sie dahin gebracht hat

Eine sehr anspruchsvolle, aber lohnende Reflektion ist darüber, wie ihr „im Moment…“ zum Dauerzustand werden konnte. Das berührt sehr viel tiefer gehende Punkte als praktische Planungen, etwa mehr Kontaktpflege zu betreiben oder sich in die E-Mail-Verteiler von Jobbörsen einzutragen, nämlich Fragen zur persönlichen Biografie, zu Selbstwertgefühl und Durchsetzungskraft. Dazu gehört Mut und Zeit, denn dabei hinterfragen Sie nicht nur, was Sie tun, sondern wer Sie sind. Das bietet sich vor allem an, wenn Sie feststellen, dass Sie seit vielen Jahren oder schon seit ihrer Jugend gewisse Dinge immer wiederholen. Hier ist eine hilfreiche praktische Methode, eine eigene Kurzbiografie (2-4 Seiten) zu schreiben.

„Warum die Mühe“, ist ein berechtigter Einwand, „so schlecht ist mein Leben ja auch wieder nicht.“ Das stimmt, die Frage ist eher, ob „nicht schlecht“ ausreichend für jemanden ist, der sich in der Mitte seines Lebens befindet, damit noch viele Jahre vor sich hat, die sich gut gestalten lassen, und in einer Branche arbeitet, die in Teilen zwar absackt, sich in anderen dafür aber ganz neu erfindet – so, wie Sie es für sich selbst auch tun können. Denn die wichtigste Geschichte, an der Sie jeden Tag schreiben, ist Ihre eigene.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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