Wenn der Lebenstraum enttäuscht

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Wie oft hat man gelesen, dass man sich von einem Scheitern nicht unterkriegen lassen solle, Aufstehen und Weitergehen. Doch die meisten erfolgreichen Menschen, die ich als Klienten kennengelernt habe, erleben mindestens einmal eine ganz andere Erfahrung: Sie erreichen nach vielen Mühen einen Lebenstraum, aber er stellt sich als Enttäuschung heraus. Wie weiter, wenn ein Ziel nicht das hält, was man sich davon versprochen hat?

Da hat man vielleicht endlich den Job bei dem Medienhaus oder Technologie-Unternehmen, für das alle arbeiten wollen – und er ist überhaupt nicht so inspirierend, frei und aufregend, wie es von außen schien. Andere sind nun endlich in ihrer Traumstadt angekommen, Orte wie London, New York, Los Angeles oder auch Berlin, und sie stellt sich als viel zu mühsam für den Alltag heraus, man lebt unter Umständen, die man daheim nie akzeptieren würde.

Manche haben endlich die lang ersehnte Beförderung in die Chefredaktion oder Ressortleitung, aber statt Reportagen und Portraits schreiben sie nun Dienstpläne, sitzen in Meetings über Budgets und Protokollen. Andere erreichen finanzielle Unabhängigkeit, den Lebenstraum fast aller Angestellten, etwa durch eine Erbschaft, Abfindung oder einen vermögenden Partner – und sie bringt als Nebeneffekt eine vorher nicht gekannte Antriebsarmut und Sinnlosigkeit.

Viele warten jahrelang, dass es besser wird

Verschiedene Strategien sind natürlich möglich, jede hat ihre Vor- und Nachteile.

Viele bleiben trotz ihrer Enttäuschung, meist nur insgeheim eingestanden, dabei in der Hoffnung, dass sich die Dinge ändern. Wenn immer ich beispielsweise höre, dass jemand wegen seines Aufstiegs „im Moment“ keine Zeit für seine Beziehung, Gesundheit, Freunde oder Hobbys hat, frage ich nach. Meist geht das seit Monaten oder Jahren so, aber man hofft noch immer auf eine Änderung, etwa durch den Wechsel eines Vorgesetzten oder das Ende eines Projektes.

Hier hilft es, seinen inneren Antrieb zu erforschen: Warum stürze ich mich etwa immer wieder in hohe Ausgaben, etwa für teure Urlaube oder Anschaffungen, die mich an einen Job binden, den ich eigentlich schon lange aufgeben wollte? Wieso nehme ich immer wieder gut bezahlte, aber völlig auslaugende Angebote an, obwohl mir meine Gesundheit (Übergewicht, Rückenprobleme, Schwindelanfälle) sagt, dass es an der Zeit für einen anderen Lebensstil wäre?

Die Sorge, etwas mühsam Erreichtes aufzugeben

Vielfach steht dahinter die Sorge, etwas mühsam Erreichtes wieder aufzugeben, Rückschritte zu machen, obwohl doch überall empfohlen wird, sich immer weiterzuentwickeln. Und tatsächlich sind manche Entscheidungen schmerzhaft: Was tun, wenn die Korrespondentenstelle in New York, um die mich alle beneidet haben, entfällt – als Nachrichtenredakteur nach Hannover gehen, wie es der Verlag als einzige Option anbietet? Bleiben und als freier Journalist durchschlagen?

Wenig hilfreich sind vielfach die Ratschläge von Freunden und Verwandten, die empfehlen, „das doch jetzt nicht aufzugeben“. Sie sehen die Attraktivität des Ziels und die Mühen, die es gekostet hat, es zu erreichen – die Innenperspektive kennen sie jedoch nicht und wären wahrscheinlich selbst nicht bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Beispiel: Jahrelanges Pendeln für einen ansonsten vielleicht sehr attraktiven Job, der aber hunderte Kilometer vom Wohnort der Familie entfernt ist, die aus ganz praktischen Gründen (eigene Arbeit, Kinder) nicht umziehen kann.

Nicht höhere, sondern andere Ziele setzen

Ein Ausweg liegt darin, sich nicht immer höhere Ziele – im Sinne eines empfundenen Aufstiegs – zu setzen, sondern nach einer gewissen Zeit andere Ziele. Dankbar für das Erreichte zu sein, stolz auf die eigene Leistung, dann aber auch sehen, dass es für einen Gewinn reicht, manche Erfahrungen für eine begrenzte Zeit zu machen, nicht für ewig – vor allem, wenn man sowieso noch Jahrzehnte vor sich hat, in denen man etwas anderes ausprobieren und lernen könnte.

In Filmen sind es immer Klischees, Investmentbanker, die Winzer in Norditalien werden oder ein Bed and Breakfast auf dem Land eröffnen. In der Realität sehe ich ganz individuelle Lösungen: Manche gehen eine hierarchische Stufe zurück oder auf Teilzeit, um dafür mehr Zeit mit dem Partner zu haben, sich mehr zu erholen oder weiterzubilden. Andere machen sich selbständig: Wenn schon so viel arbeiten, dann wenigstens für die eigene Kasse und nach eigenen Regeln. Andere wechseln die Branche oder widmen sich Dingen, die sie in dieser Lebensphase nun vielleicht als sinnvoller empfinden (z. B. Nonprofit-Bereich, Arbeit mit Kindern, Beratung).

Dabei kann man fast darauf verzichten, andere zu fragen, was sie an Ihre Stelle machen würden: Sie träumen vielfach noch den Traum, den Sie sich bereits erfüllt haben – die Erfahrung, die Sie schon gemacht haben, fehlt ihnen noch. So wird der Redakteur, der auf den Chefreporter-Job bei dem renommierten Magazin oder eine Chefredaktion hofft, nicht verstehen, warum das jemand freiwillig aufgeben könnte. Das ist normal: Ihr Gegenüber ist noch da, wo Sie früher waren.

So gilt in jedem Fall und wie die Lösung auch aussieht: Noch einmal neu anzufangen, nachdem man erfolgreich war, ist mindestens ebenso bewundernswert wie neu anzufangen, nachdem etwas gescheitert ist. Doch für einen Neuanfang nach einem erreichten Lebensziel, das sich als Enttäuschung herausstellt, spricht schon der Respekt vor der eigenen Lebenszeit und dass Sie bereits bewiesen haben, dass Sie etwas erreichen können – Sie schaffen das wieder.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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