Loslassen – warum das so schwer ist

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Das neue Jahr ist erst wenige Tage alt, doch die Frische des Neuanfangs ist vielfach schon wieder verflogen: Warum ist das Alte so hartnäckig und lässt sich nicht abschütteln, obwohl man doch ständig hört, man müsse nur „loslassen“? Nicht selten geht das noch weiter zurück: Der Blick auf längst verlorene Jobs, Erfolge der Vergangenheit, gescheiterte Projekte, teilweise vor Jahren oder, bei älteren Kollegen, gar Jahrzehnten.

Ich erinnere mich an das Gespräch mit einem Journalisten, der vor zwölf Jahren eine prestigeträchtige Stelle verloren hatte, sich nun als freier Korrespondent durchschlug und über die Entlassung von einst noch immer nicht hinweg war. Andere, längst woanders wieder angestellt, denken sich trotzdem immer wieder in ihre alte Redaktion zurück – vielleicht war das Objekt größer oder renommierter, vielleicht die Position besser. Hier einige Aspekte, die Ihnen dabei helfen können, wieder nach vorn zu schauen.

Achten Sie zuerst einmal darauf, worüber Sie mit Branchenkollegen oder dem Partner so sprechen. Bestimmte Gespräche sind sehr typisch und erhellend:

  • Lange Monologe, was der frühere Chefredakteur oder die einstige Ressortleiterin jetzt wieder falsch gemacht hat, dass er/sie schon damals gänzlich unfähig gewesen sei und es unbegreiflich ist, wieso er/sie noch immer im Amt ist. Darauf ließe sich entgegnen: Die Person war immerhin fähig genug, in diese Position zu gelangen und sich dort ausreichend lang zu halten. Zwar mag sie tatsächlich fachlich unterlegen sein, der Arbeitgeber hat aber offenbar seine Gründe.
  • Wiederkehrende Erläuterungen, was jetzt an der früheren Arbeitsstelle zu tun sein, welche Entscheidungen überfällig wären und dass man sie selbst längst getroffen hätte, „den ganzen Laden endlich mal aufgeräumt“. Darauf ließe sich sagen: Das mag sein, liegt aber außerhalb der eigenen Kompetenz, und ist nun einmal erkennbar nicht Wunsch des Unternehmens. Es hat sich entschieden, auf die Zusammenarbeit zu verzichten und bisher auch nicht wieder angerufen.
  • Die Rückkehr in längst vergangene Zeiten, in denen es angeblich oder tatsächlich besser war – „also, wir haben damals…“, „ich weiß noch, als…“ Ich erinnere mich an einen durchaus erfolgreichen Journalisten, der aber pausenlos zu seiner Zeit als Polizeireporter zurückkehrte, die Jahrzehnte zurücklag. Häufiger Grund hier: Ein Mangel an Aufregung und echten neuen Herausforderungen. Die graue Routine des Alltags lässt die Triumphe der Vergangenheit überhell leuchten.

Oft sind es schmerzliche Einsichten, die sich unter der ganzen Streiterei verbergen: Der Zweifel, ob man selbst vielleicht doch nicht so gut ist, wie man annahm, die Enttäuschung, wie schnell man ersetzbar war, ohne dass der Apparat auch nur einen Moment gestockt hat, der Ärger, sich verkannt zu fühlen – hätte man nur die Chance gehabt, sich noch einmal zu erklären, bessere Möglichkeiten erhalten, etwas wirklich zu verändern.

Wie kommt man raus aus dieser ewigen gedanklichen Rückkehr?

  1. Zuerst die Einsicht, dass vieles gar nichts mit einem selbst zu tun hat, sondern typisch für eine bestimmte Struktur ist: In einem Medienkonzern mit 10 000 Mitarbeitern ist, auch wenn das eine unangenehme Wahrheit ist, jeder austauschbar – inklusive dem CEO. Selbst erfahrene langjährige Chefredakteure mussten in den letzten Jahren erfahren, dass der Verlag sie ohne größere Bedenken gegen – aus ihrer Sicht – Berufsanfänger ersetzte.
  2. Danach die Erkenntnis, dass mit dem Arbeitsvertrag (und der Bezahlung) auch die Verantwortung beendet ist: Sie sind nicht mehr dafür verantwortlich, was nach Ihrem Weggang an ihrer früheren Arbeitsstelle geschieht, es kann Ihnen vollkommen gleichgültig sein. Vielleicht scheitert das Unternehmen tatsächlich, mit größerer Wahrscheinlichkeit aber nicht. Erlauben Sie sich Gelassenheit und den Blick darauf, dass das frühere Team das schon hinbekommen wird.
  3. Blicken Sie stattdessen auf Ihre aktuelle Situation, da ist mit recht großer Wahrscheinlichkeit einiges zu tun: Wiederholen Sie bestimmte Verhaltensmuster jetzt im neuen Job, überlasten Sie sich beispielsweise ständig und verlieren so den Blick auf größere strategische oder personelle Fragen? Klammern Sie sich an früher, weil Ihre jetzigen Chancen schlecht sind, was könnten Sie dagegen tun?
  4. Entdecken Sie den Abenteurer in sich: Wer beispielsweise als Journalist über 50 erst jetzt, nach einer Entlassung, die Digitalisierung für sich entdeckt, sollte sich nicht lange mit Reue, Scham oder Ärger aufhalten. Viele Ihrer Kompetenzen können Sie übertragen, so braucht ein Blog ein Layout wie ein Magazin, gute Texte sind auch digital zunehmend gefragt. Probieren Sie sich aus, wie es ein junger Mensch tun würde: Spielerisch, ohne größeres Grübeln und Zögern.

In vielem ähnelt dieser Prozess klassischer Trauerarbeit, dem Verlust eines geliebten Menschen oder einer geschätzten Beziehung. Sie dürfen sich also ruhig ein Tränchen gestatten, das ist der bessere Weg, als sich an externen Faktoren – frühere Firma, Chef, Kollegen – abzuarbeiten. Danach aber sollten Sie nach vorn sehen, vor Ihnen liegen enorme Möglichkeiten und möglicherweise größere Erfolge als diejenigen, die Ihnen derzeit noch als verloren und unersetzlich scheinen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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