Mit 50 noch mal was riskieren

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In fast allen Redaktionen, falls es sich nicht um reine Onlinemedien handelt, sitzen heute Journalisten in einer bequemen und schwierigen Lage zugleich. Um die 50 Jahre alt, gut bezahlt durch einen Vertrag, den sie schon vor zehn oder zwanzig Jahren abgeschlossen haben und durchaus nicht nur unglücklich im Job – gleichzeitig sich aber im Klaren darüber, dass bei diesem Arbeitgeber keine große Karriere mehr kommt und das Unternehmen sie wahrscheinlich sogar loswerden möchte, da „zu teuer“ oder „nicht mehr jung genug“.

Die Hoffnung, dass die Zeiten wieder besser werden, haben diese Journalisten nicht mehr, für sie stagniert es seit der New-Economy-Krise von 2000 oder geht subtil abwärts, etwa durch Mehrarbeit, gekürzte Tarifzulagen, immer engere Büros. Bisher haben sie zwar jede Sparrunde überstanden, aber die Jahre vergehen. Frust und Langeweile lassen sie grübeln: Soll ich noch einmal neu anfangen, obwohl ich nicht mehr jung bin und Verpflichtungen habe – bei einem neuen Unternehmen, gar in einer neuen Branche? Dazu einige Gedanken.

Mehr Arbeit, aber auch mehr Einfluss

Zu Beginn: Ja, diese Wechsel sind erfolgreich möglich. Ich habe immer wieder Journalisten als Coaching begleitet, die zwischen 45 und 55 Jahren ihre Festanstellung verlassen haben, manchmal auch mussten, und sich insgesamt verbessert haben. Einige wechselten zu anderen Medienhäusern, in die Unternehmenskommunikation, zu Agenturen, erstaunlich viele zu Startups. Andere machten sich allein oder mit einem Partner selbständig.

Die Entscheidung war für die meisten ein langes Ringen, zu den Erwägungen gleich mehr. Diejenigen, die den Wechsel wagten, berichteten fast durchweg von zwei Überraschungen neben der, doch mehr interessante Chancen als erwartet vorzufinden:

    1. Sie hatten noch nie so viel in ihrem Leben gearbeitet. Zwar waren die Tage im Newsroom auch intensiv, im Rückblick aber überwiegend geprägt von ständigen Umstrukturierungen, immer neuen Sparmaßnahmen, kräftezehrenden Strukturen und überholten Hierarchien. Im neuen Job ist das Team oft zu klein für all das, was zu erledigen ist – das Unternehmen wächst, der Arbeitstag reicht eigentlich nie aus, und so wird manche Ausarbeitung erst daheim um 22 Uhr erledigt.
    2. Man hat ihnen noch nie so viel zugetraut. Wer in seiner alten Redaktion auch nach zwanzig Berufsjahren noch jeden Text vor der Veröffentlichung gegenlesen lassen musste, bekommt im neuen Job vielleicht nach kürzester Zeit die Verantwortung für ein Budget und Mitarbeiter, führt Einstellungsgespräche, verhandelt mit Managern und ausländischen Tochtergesellschaften über neue Projekte oder entscheidet plötzlich weitgehend mit – und das, obwohl er/sie “doch nur Journalist” ist.

So gelingt mit dem Wechsel ein Sprung, der im alten Job nie möglich war: Verantwortung über den reinen Inhalt hinaus, tatsächlich Managementaufgaben. Redakteure um die 50, die sich für diesen Weg entschieden haben, wirken nach kürzester Zeit geradezu verjüngt: Sie können wieder etwas lernen, erleben sich als gefragt und eine neue Unternehmenskultur (z. B. Arbeiten auf Englisch in internationalen Teams, regelmäßige Feedback-Gespräche).

Neues Einkommen anfangs aber oft niedriger

Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass das alte Einkommen inklusive Extras wie Presseversorgung vielfach nicht zu halten war, sondern zehn bis dreißig Prozent niedriger liegen kann. Andererseits ist die neue Firma oft dynamischer und flexibler als ein klassischer Medienkonzern auf Schrumpfkurs in den journalistischen Sparten. Chefs steigen auf, Teams wachsen, Aufgaben verändern sich. So ist es bei guter Leistung oft schon nach sechs bis zwölf Monaten möglich, über eine Gehaltserhöhung oder Prämie zu verhandeln.

Ein Faktor, der entscheidend für diese Erwägungen ist, sind die Lebenshaltungskosten. Wer um die 50 ist, hat sich einen gewissen Lebensstil angewöhnt, und der lässt sich nicht leicht ändern. Zwar kann man auf Reisen und Restaurantbesuche verzichten und die anderen Familienmitglieder zu mehr Sparsamkeit ermuntern. Beim Hauskredit oder den Mietkosten ist dagegen kaum Flexibilität, ebenso wenig bei Unterhaltsverpflichtungen. Helfen oder die Bedenken lindern kann eine ausgehandelte Abfindung, wenn man freiwillig geht.

Natürlich entscheiden sich viele auch zu bleiben. „Ich habe nur noch zwölf Jahre“, sagte mir ein Journalist um die 50, „dann sind die Kinder mit dem Studium fertig und das Haus ist größtenteils abgezahlt. Bis dahin mache ich weiter.“ Das ist selbstverständlich eine ebenso respektable Entscheidung mit Vor- und Nachteilen – relative Sicherheit, dafür zum Preis ausgeschlagener Chancen und einen dadurch möglicherweise später höheren Risiko.

So ist die Entscheidung, ob man im mittleren Lebensalter noch einmal einen Wechsel wagen sollte, nur teilweise eine berufliche und finanzielle Frage. Es geht auch um Lebensqualität, wie lange man Frustration, Langeweile oder Enttäuschung weiter akzeptieren will, ob man mutig und neugierig genug für einen Neuanfang wäre, aber auch um die Perspektive – wäre man fünf Jahre später risikobereiter, hätte man größere Chancen?

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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