Setzen Sie sich KPIs für Ihr Leben

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Es gibt wahrscheinlich kaum eine Redaktion, die sich bei ihren Entscheidungen noch auf vage Behauptungen und Vermutungen ihrer Mitarbeiter verlässt: Dieses Thema sei bestimmt „eine gute Geschichte“, über jenes „redet Deutschland“, und die Frau des Chefredakteurs hätte auch gemeint, „das wollen die Leute jetzt lesen“. KPIs (Key Performance Indicators) sind im redaktionellen Alltag etabliert, um etwas realistischer zu bewerten: Kennzahlen, die den Erfolg und die Wirkung eines Artikel oder Projektes beschreiben und analysieren.

Im Onlinebereich sind das beispielsweise Besucherzahlen, Verweildauer, Absprungrate. Im Printbereich helfen Verfahren wie Readerscan (schon seit 2004) und Leserbefragungen. In der Social-Media-Redaktion geben u.a. Reichweite und Interaktionsrate an, wo ein Angebot steht. Diese Methodik, im Beruf also ein Standard, kann für Sie auch im privaten Bereich nützlich sein: Wählen Sie sich KPIs für Ihr Leben – Kennzahlen, mit denen Sie Ihre eigene Situation und Entwicklung objektiver als nur nach Ihrem Gefühl bewerten können.

In jedem Bereich können Sie messen, wo Sie stehen

Grundsätzlich können Sie das für jedem Lebensbereich: Es ist immer möglich, sich einen Wert zu überlegen, der in Zahlen ausdrückt, wie es Ihnen in diesem Bereich geht und wie Sie sich entwickeln. Dabei geht es oft nicht um Echtzeit-Tracking, wie man es aus dem Sport mit Fitness-Apps kennt. Hilfreicher kann es oft sein, beispielsweise einmal in alten Gehaltsabrechnungen, Verträgen oder Kalendern zu blättern und bestimmte Werte daraus zusammenzutragen oder seine Aktivitäten über einen Zeitraum zu notieren.

Hier einige KPI-Beispiele aus den wichtigsten Lebensbereichen:

  • Beruf und Karriere: Die zeitlichen Abständen, in denen Sie im Verlauf Ihrer bisherigen Karriere gewechselt sind oder befördert wurden.
  • Persönliche Finanzen: Die Entwicklung Ihres Einkommens, Veränderungen von Ersparnissen und Schulden (Kredite, Dispo).
  • Familie und Elternsein: Die Dauer von Single- oder Beziehungsphasen, mit Partner oder Kindern verbrachte Zeit pro Woche.
  • Soziale Beziehungen: Mit Freunden verbrachte Zeit pro Woche, die Häufigkeit gemeinsamer Erlebnisse pro Jahr.
  • Gesundheit und Alter: Die Entwicklung Ihres Gewichts, sportliche und medizinische Kennzahlen (z. B. Yoga pro Woche, Blutdruck).
  • Persönliche Entwicklung: Der Abstand zwischen Weiterbildungen, erreichte formelle Grade (Bachelor, Master, Zertifikate).
  • Lebenssinn und Spiritualität: Die Stundenzahl pro Monat, die Sie diesem Bereich widmen (z. B. Ehrenamt, Verein, Kirche, Meditation).
  • Spaß und Lebensfreude: Die Stundenzahl pro Monat, in denen Sie etwas tun, bei dem Sie sich unbeschwert und leicht fühlen (z. B. Hobby).

Möglicherweise haben Sie beim Lesen der Beispiele gedacht: „Was soll das bringen? Das weiß ich auch so!“ Doch es kann sehr erhellend sein, einmal sein monatliches Gehalt über die bisherige Karriere in einer Excel-Liste einzutragen und ein Kurvendiagramm davon zu sehen: Liegen die großen Sprünge schon viele Jahre zurück, ging es sogar zurück – und was heißt das für mich? Wer mit seinem Gewicht kämpft: Ging es seit dem Umzug an den Stadtrand oder mit jedem Karriereschritt weiter nach oben – und wie soll das weitergehen?

Einige wenige Zahlen geben oft schon Klarheit

Bei derartigen Kennzahlen geht es nicht darum, sich mit unendlich vielen Erhebungen zu belasten, sondern einzelne Fragen zu beleuchten: Vermutungen („mein Job lässt mir keine Zeit für meine Beziehung“, „ich gebe ständig mehr aus, als ich verdiene“) mit Zahlen zu überprüfen und, je nach Ergebnis, entsprechende Schlussfolgerungen daraus abzuleiten. Der Vorteil liegt auf der Hand: Ein vages Gefühl wird überprüft, bestätigt oder widerlegt.

Eine Produktmanagerin, die sich nach ihrer Arbeit täglich um ihre kranke Mutter kümmerte, fühlte sich nach einigen Monaten völlig erschöpft. Sie beschloss, einmal eine Woche lang in 15-Minuten-Schritten ihren Alltag zu protokollieren. Es stellte sich heraus, dass sie mehr als zwei Arbeitstage durch die zusätzlichen Fahrten verlor und für sich selbst weniger als eine Stunde Zeit hatte. Sie beschloss daher, einen Umzug zu erwägen sowie bewusst mehr Zeit für sich einzuplanen, um auch langfristig genügend Kraft für ihre Mutter zu haben.

Ein Society-Reporter, der beruflich häufig bei großen Veranstaltungen und an eleganten Orten sein konnte, stellte fest, dass er sich auch privat einen Lebensstil angewöhnt hatte, den er sich gar nicht leisten konnte. Er erstellte eine Excel-Tabelle mit seinem Einkommen seit dem Volontariat und legte als zweite Kurve seinen Kontostand jeweils am Jahresende darunter (die Belege fanden sich noch in der Mailbox im Onlinebanking). Erkenntnis: Er verdiente immer mehr, lebte aber seit fast zehn Jahren durchgehend im Dispo – Zeit für einen Haushaltsplan und ein Nebeneinkommen, in seinem Fall ein Buchprojekt.

Selbstverständlich sind viele Ziele und damit auch Kennzahlen gegenläufig: Wer mehr Zeit in den Beruf investiert, hat zwangsläufig weniger für Familie, Freunde, Sport oder Hobbys. Wer eine selbst finanzierte Weiterbildung absolviert, hat zunächst einmal weniger Geld als vorher. Es ist also unmöglich, alle Kennwerte gleichzeitig zu maximieren. Vielmehr geht es um Schwerpunkte und den persönlich passenden Kompromiss zwischen Extremen.

Mit dieser Sichtweise werden aus Kennzahlen sehr praktische Hilfen: Sie ersetzen das Gefühl, das sich etwas nicht wie gewünscht entwickelt, durch einen klaren Blick auf die Fakten und helfen damit, Gewohnheiten selbst zu korrigieren und bessere Entscheidungen als bisher zu treffen. Manchmal kann es auch umgekehrt kommen: „So schlecht stehe ich gar nicht da“, kann auch eine Einsicht sein, „warum bin ich dann trotzdem oft so unzufrieden?“ In diesem Fall helfen die Zahlen zu verstehen, dass nicht die Situation das Problem ist, sondern Themen wie die eigene Einstellung oder veränderte Wünsche und Werte.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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