Über die eigenen Finanzen reden

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Für viele Journalisten ist es, spricht man einmal darüber, eine ernüchternde und manchmal auch schambesetzte Einsicht: Da haben sie in ihren Artikeln die Finanzlage von Stars und Durchschnittsbürgern diskutiert, Finanzentscheidungen von Managern angeprangert und Politikern ihre Budget-Empfehlungen gegeben – aber in eigener Sache sieht es eher bescheiden aus. Das Gehalt stagniert oder war schon immer zu niedrig, und sie sehen wenig Ansatzpunkte, es zu verbessern. Das Thema selbst ist ihnen schon unangenehm.

Es gibt eine Vielzahl guter Ratgeber für Gehaltsverhandlungen, und mancher Trick kann tatsächlich funktionieren. Doch grundsätzlich ist es sehr schwierig (oft unmöglich), einen bestehenden Vertrag nachzuverhandeln. Die meisten Arbeitgeber verweisen darauf, dass man grundsätzlich gern mehr zahlen würde, die Zeiten aber hart seien und man froh sein könne, überhaupt noch so viel zu erhalten – heute würde man für weniger einsteigen, was in vielen Fällen wahrscheinlich sogar stimmt. Hier daher einige grundsätzliche Gedanken.

Trösten Sie sich nicht länger damit,  dass es „allen“ so geht

Ein häufiger Trost besteht darin, sich einzureden, „allen“ gehe es so, die Branche sei eben in einer schwierigen Lage. Das ist natürlich nicht der Fall, schon für den eigenen CEO besteht, ein Blick in die Wirtschaftspresse genügt, finanziell überhaupt keine schwierige Lage. Die vielleicht schmerzhafte Wahrheit ist: Es ist genügend Geld da, nur nicht für alle, und es geht in dem Bereich nicht „fair“ zu, sondern entsprechend Verhandlungsposition und -geschick. (Daher geht auch die Gender-Pay-Gap-Diskussion nicht nur von falschen Zahlen aus, sondern zusätzlich von dem Irrtum, bei Männern gebe es eine Art „Lohngerechtigkeit“).

In Wahrheit verdient innerhalb derselben Redaktion ein Textpauschalist vielleicht 250 Euro pro Tag, ein anderer, der später kam, nur 120 Euro, und ein älterer, gut vernetzter Kollege erhält weiterhin heute undenkbare 500 Euro. Ähnlich bei Angestellten: Erhält der Redakteur eines Medienkonzerns vielleicht 3000 Euro brutto, wie es der Tarifvertrag vorsieht, erhält ein gleichaltriger Reporter, der direkt mit dem Chefredakteur verhandelt hat, 5500 Euro, und die Kollegin in der trendigen Digitaltochter des Konzerns – ebenfalls in Vollzeit – nur 1900 Euro.

Prüfen Sie, wie stark Ihre Verhandlungsposition ist

Eine Grundregel jeder Verhandlung ist leider, dass Sie jedes Angebot annehmen müssen, wenn Ihr Gegenüber weiß, dass Sie keine Alternative haben. So bleibt Ihnen entweder, das möglichst zu verheimlichen (indem Sie z. B. ihrem Chef nicht erzählen, dass Sie wegen hoher Verschuldung für das Haus und zwei schulpflichtigen Kindern in den nächsten zehn Jahren gar keinen Jobwechsel riskieren können) oder für mehr Alternativen zu sorgen.

Ein Schritt ist sicher, die eigenen Finanzen zu ordnen. Mit dem Lebensalter hat das nur wenig zu tun. So sehe ich Berufsanfänger in den Zwanzigern, die 60 000 Euro auf dem Sparkonto haben, aber auch Führungskräfte in den Fünfzigern mit 150 000 Euro Schulden. Vieles kommt da zusammen: Berufliche Entscheidungen, Partnerwahl, Konsumverhalten. Weitere wichtige Faktoren: Wie stehen Sie bei Weiterbildungen da, wie ist Ihr Netzwerk, kennt man sie innerhalb und außerhalb Ihres aktuellen Arbeitgebers?

Sicher ist es sinnvoll, regelmäßig Bewerbungen zu verschicken, um Rücklauf und Reaktionen zu prüfen, und mit möglichen zukünftigen Chefs im Gespräch zu bleiben, etwa frühere Kollegen, die befördert wurden oder das Unternehmen gewechselt haben. Hier ist es wie mit Freundschaften: Es ist besser, sich nicht nur im Notfall zu melden, sondern im Notfall (Job gesucht) auf eine langjährig gepflegte Beziehung zurückgreifen zu können.

Überlegen Sie, wie wichtig Geld Ihnen zukünftig sein soll

Natürlich entscheiden viele Faktoren darüber, welche Stelle Sie annehmen bzw. langfristig behalten: Die Tätigkeit an sich, Arbeitsort, -weg und -zeiten,  wie Sie die Chefs und Kollegen mögen, auch Karrierechancen und Zusatzleistungen (nicht zu vergessen, ob Sie aktuell überhaupt eine Alternative haben). Manchmal gerät dabei etwas in Vergessenheit, dass es auch beim schönsten Job der Welt unter anderem auch um Geld geht. Ein Beruf ist am Ende nicht ein bezahltes Weiterbildungs- oder Selbstfindungsprogramm.

Hier liegt es an Ihnen zu entscheiden, wie wichtig Ihnen Geld zukünftig sein soll. Manche akzeptieren drastische Gehaltseinbußen, um endlich in dieser Stadt oder bei jenem hoch angesehenen Titel arbeiten zu können, andere entscheiden sich für eine Führungsposition, die ihnen eine Personalmeldung in den Branchendiensten verschafft, damit eventuell später bessere Verhandlungschancen , selbst wenn sie dort ein Drittel weniger verdienen. Wieder andere wollen lieber mehr Zeit für sich oder die Familie und verzichten auf Geld.

Besonders hoch ist die Versuchung, das irgendwie heikle Thema zu ignorieren, wenn die Beschäftigung damit nicht zwingend ist. Ich erlebe Mittdreißiger in Führungspositionen, die als Plan B anführen, dass ihre Eltern (oder der Partner) bei Bedarf wieder für einige Zeit die Miete zahlen würden oder Mittel aus einer Erbschaft das niedrige Gehalt auffüllen könnten. Hier hilft manchmal schon, an den eigenen Ehrgeiz zu appellieren oder einen gewissen sportlichen Kampfgeist in Bezug aufs eigene Einkommen zu entwickeln.

Pflegen Sie Ihren Marktwert, um verhandeln zu können

Sie werden deutlich selbstbewusster auftreten und verhandeln können, wenn Ihr Gegenüber spürt, dass Sie den aktuell Job nicht zwingend brauchen. Pflegen Sie daher Ihren Marktwert – erschöpfen Sie sich nicht völlig bei der Arbeit, sondern lassen Sie ein wenig Zeit und Kraft dafür, eine Fremdsprache zu lernen oder einen anderen Kurs zu besuchen, gelegentlich zu einem Event zu gehen oder Branchenkollegen zu treffen, aber auch sich zu erholen.

Vielfach sind auch einige unangenehme Gespräche überfällig. Etwa mit Teenagerkindern, die sich sehr daran gewöhnt haben, dass ihre Eltern jeden Wunsch finanzieren – nach England aufs Gymnasium, kostenpflichtige Ausbildungen, die mittendrin abgebrochen werden, dann wieder zu Hause einziehen, bitte nur Designer-Kleidung – oder mit Partnern, die finanzielle Verantwortung praktisch ablehnen. Man sollte beispielsweise nicht glauben, wie viele hart arbeitende Frauen einen Partner finanzieren, der wegen nicht funktionierender eigener Karriere- oder Unternehmensplanung seit Jahren einkommenslos ist.

Wie viel „muss“ jemand verdienen? Das ist natürlich eine ganz individuelle Entscheidung, die nicht zuletzt auch von den persönlichen Lebenshaltungskosten abhängt, wobei ich die Tarifgehälter noch immer für eine gute erste Orientierung halte. Am Ende könnte, neben dem Vergleich mit Kollegen, falls sie tatsächlich ihr echtes Einkommen verraten, ein Kriterium sein, ob man damit grundsätzlich das Leben führen kann, das man sich vorstellt.

So bekomme ich immer einmal wieder Anfragen von Coaching-Interessenten, die zuerst ein allgemeines Thema vorschlagen, etwa eine effektivere Arbeitsweise oder Teamkonflikte, und gleichzeitig sagen: „Eigentlich kann ich mir das derzeit gar nicht leisten.“ Hier ist dann schon der Punkt, an dem ich das Tabu breche und das heikle Thema selbst anspreche: „Lassen Sie uns gleichzeitig doch auch einmal über Ihre Einkommenswünsche reden.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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Über den Autoren

Autor, Coach und Geschäftsführer von Media Dynamics

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