Welche Ratschläge soll ich annehmen?

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Auf den ersten Blick scheint diese Kolumne ein Widerspruch in sich, je nachdem, wie Sie sie lesen: Sie befasst sich mit den Ratschlägen, denen wir täglich ausgesetzt sind. Jeder Blick in Buchgeschäfte, Zeitungen und Magazine, TV-Sendungen, Social-Media-Kanäle und Newsletter zeigt es: Wir leben in einer Zeit konstanter Belehrungen und Empfehlungen. Jede für sich mag hilfreich sein. In der Summe aber überfordern sie, widersprechen sich und setzen unter Druck: Sollte ich dieses nicht auch endlich tun, jenes mir angewöhnen oder auch lassen? Dazu heute einige Gedanken – nicht als Ratschläge, sondern als Reflektion.

Als erstes fällt bei den meisten Ratschlägen der moralische Unterton auf: Wer ihnen nicht folgt, lässt sich gehen, wird suggeriert, ist nicht effektiv genug oder lebt nicht „bewusst“. Hier wäre es an der Zeit, sich davon zu emanzipieren, insbesondere als Journalist, der weiß, wie viele dieser Ratgeberartikel entstehen: In der Not zusammengetippt aus Archivmaterial und einem schnellen Anruf bei einem „Experten“. Die Qualität ist nicht selten durchwachsen, oft überholt oder Randaspekte übertrieben, und selbst die besten Tipps passen nicht zu jedem.

Zwei ganz alltägliche Beispiele:

Von vielen Medienprofis, von Berufs wegen gestresst, höre ich, dass sie Meditation als entspannend und hilfreich empfinden. Manche nutzen dafür Apps wie „Headspace“, andere verbringen sogar regelmäßig einige Tage in einem Meditationszentrum, nicht selten mit einer spirituellen Komponente (auf meiner Webseite finden Sie bei Interesse auch zwei geführte halbstündige Meditationen als Audio-Files). Doch wie jede Methode ist sie für manche das ganz Falsche, zu still und körperlich zu passiv, und stresst dann eher noch zusätzlich. Meditation ist, wie übrigens auch Yoga, zunächst einmal neutral und nicht per se gut.

Seit vielen Jahren ist auch eine Laufbewegung im Gange, von Halbmarathon bis Triatlon, und da fällt ebenso der missionarische Eifer vieler Protagonisten auf. Man „müsse“ laufen, das sei das einzig Wahre. Auch da hilft schon der zweite Blick: Viele derer, die das glühend anderen empfehlen, plagen sich mit ständigen Verletzungen und sehen durch Übertraining, zu hohen Fettverlust und ihre sonnengegerbte Haut teilweise Jahre älter aus, als sie sind. Ist das nun zwingend nachahmenswert? Ich habe meine Zweifel, manche Hobbysportler scheinen mir besser beraten, sich mehr Faulheit als noch mehr Wettbewerb zu gönnen.

Die meisten spüren, was ihnen nicht guttut

Die meisten Menschen haben ein feines Gespür dafür, was ihnen eigentlich nicht gut tut, obwohl es doch allenthalben empfohlen wird. Einige typische Anzeichen:

●      Ein Gefühl der Überforderung, als würden unzählige Stimmen auf Sie einreden. Hier hilft oft schon, sich dem weitgehend zu entziehen. Ratgeber sind, wie alles, nur gut dosiert gesund. Wählen Sie also sehr gezielt aus, was Sie sich überhaupt ansehen.

●      Dass Ihnen etwas überhaupt keinen Spass macht oder unangenehm ist, obwohl es doch so gut sein soll. Persönlich bin ich dafür, etwas im Zweifel einige Male oder sogar einige Wochen auszuprobieren, dann aber weg mit allem, was nicht passt.

●      Ein Steckenbleiben im rein passivem Konsum, etwa immer neue Ratgeberbücher, Podcasts oder Video-Tutorials, die Sie vielleicht allesamt „gut finden“, aber doch fast nichts umsetzen. Das ist ein Indiz, dass Sie die Idee mögen, mehr aber nicht.

Ganz grundsätzlich heisst das also, einen kritischen Blick auf all die „Tools“ (Werkzeuge und Methoden) zu werfen und auszusortieren. Behandelt das überhaupt ein Problem, das ich habe? Lohnen sich der Aufwand und die Kosten? Ist es relevant, macht es mich glücklicher? In mehr als 99 Prozent lautet die Antwort wahrscheinlich: Nein, brauche ich nicht – und das ist der Moment, die unnötigen Newsletter abbestellen, die Magazine, die uns das Content-Marketing aufdrängt, wegzuschmeissen, und Facebook-Seiten, die man einmal geliked hat, mehrheitlich wieder aus dem eigenen Newsfeed zu entfernen.

Wie passt das damit zusammen, dass jedes Ziel eine gewisse Disziplin, Ausdauer und auch fachliche Information und Hilfe erfordert? Hier würde ich aus der Erfahrung heraus sagen, dass fast niemand „zu faul“ oder „unorganisiert“ ist, im Gegenteil, Überoptimierung ist heute das typische Problem. Zu viele Aufgaben, zu volle Kalender, selbst zu viele Sozialkontakte und Freizeitpläne. Ich würde nicht so weit gehen und einem radikalen Minimalismus das Wort reden, aber grundsätzlich würde es den meisten Menschen sehr gut tun, ihre Aktivitäten drastisch zusammenzustreichen und sich mehr ungeplante Zeit zu gönnen.

Eine etwas kitschige, aber anschauliche Analogie zu Ratschlägen sind die Gewürze, die Sie in der Küche verwenden: Sie sind kraftvoll und deshalb nur fein dosiert zu geniessen. Achten Sie auf die Herkunft und damit Qualität, verwenden Sie natürlich nicht alle gleichzeitig. Vor allem aber sind sie kein Selbstzweck, sondern eine Beigabe, und zuerst sollten Sie überhaupt das Rezept kennen. Im wahren Leben heißt das: Sich zuerst einmal für einige wenige Ziele entscheiden, dann auf Ihr eigenes Gefühl vertrauen und nur ganz ausgewählt nach Bedarf die Meinungen anderer Leute dazu holen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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