Welchen Sinn hat mein Job noch?

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Früher oder später kommt der Moment in jedem Journalisten-Leben: Die Frage, welchen Sinn das Ganze überhaupt noch hat. Wo ist die Begeisterung der frühen Jahre, das Interesse, die Leidenschaft – wieso ist der Beruf, einst geliebt, plötzlich quälende Routine?

Den einen erwischt es, nachdem er den hundertsten Artikel bei TMZ oder der „Daily Mail“ abgeschrieben und als eigene Recherche verkauft hat. Den anderen bei der fünften Stadtratswahl seiner Karriere, noch immer zu den gleichen ungelösten Fragen. Den dritten beim Tippen von Ratgebertexten, die er inzwischen schon mitsprechen kann.

Da hat man vielleicht Politikwissenschaften studiert und muss nun die Namen der Kardashian-Kinder auswendig lernen (ja, Robs neue Freundin heisst „Blac Chyna“) oder wird als „Glücksreporter“ zu den Preisträgern eines redaktionellen Gewinnspiels geschickt, was man zuletzt vor 25 Jahren als Praktikant freiwillig getan hätte.

Die Beispiele, recht typisch aus Gesprächen mit Klienten, zeigen Ursachen der Sinnkrise: Eine Kombination aus Monotonie, etwa durch mangelnde geistige Herausforderung oder Abwechslung, und Druck, etwa durch ständige Umstrukturierungen, enge zeitliche Vorgaben oder die Erwartung, eine hohe Zahl an Beiträgen zu produzieren – meist nicht nur redaktionell, sondern dazu auch noch technisch, insbesondere bei Online-Medien. Doch es ist möglich, einem alten Job neuen Sinn zu geben – zumindest für einige Zeit.

Sorgen Sie für Abwechslung

Suchen Sie nach Wegen, Ihre Arbeit zu variieren. Sie könnten das Themengebiet wechseln. Ich kenne einen früheren Kollegen, der nach vielen Jahren als Sportreporter zu einem hervorragenden Kulturjournalisten geworden ist und dort eine ganz neue Perspektive einbringen konnte. Andere sind aus der Redaktion ins Management gewechselt oder umgekehrt, haben sich als Texter das Videoformat erschlossen, als Layouter mit dem Schreiben begonnen oder sich intern an einen neuen Standort versetzen lassen. Oft bieten sich im aktuellen Unternehmen diverse neue Optionen – suchen Sie danach.

Lernen Sie etwas Neues

Direkt damit verbunden: Unterbrechen Sie die quälende geistige Unterforderung, indem Sie etwas Neues lernen. Vielleicht wollen Sie berufsbegleitend einen Studienabschluss nachholen, es gibt in vielen Verlagen Führungskräfte in höchsten Positionen, deren höchster Abschluss das Abitur ist. Oder eine weiterführende Qualifikation, das Auffrischen einer Fremdsprache – bei Unternehmen mit Auslandstöchtern ist es auch oft möglich, dort für einige Wochen zu hospitieren (eventuell mit Kostenbeteiligung). Viele Medienhäuser bieten sehr großzügige Hilfen und eigene Seminare, fragen Sie in Ihrer Personalabteilung nach.

Schaffen Sie dem Raum dafür

Nicht selten geht jemand, den die Sinnfrage quält, schon länger mit einem Tunnelblick durchs Berufsleben: Die Arbeitsbelastung hat ungesunde Ausmasse angenommen, für etwas anderes scheint gar keine Zeit mehr. Schaffen Sie sich Zeiten für Ihre persönliche Entwicklung, beispielsweise ein bis zwei Tage pro Woche, an denen Sie keine Überstunden machen, sondern z. B. zu einem Kurs gehen können, mal in Ruhe ein Buch lesen oder einem Hobby oder Ehrenamt nachgehen. Wachstum braucht Freiraum, stellen Sie sich regelmäßig die Frage, was Sie beruflich oder persönlich zuletzt gelernt haben.

Finden Sie einen tiefen Sinn

Ab der Lebensmitte, vielleicht mit 40 oder 45 Jahren, kommen oft andere Themen hinzu: Die Suche nach einem tieferen Sinn über das Geldverdienen und die Sicherheit eines Arbeitsvertrags hinaus, die Sehnsucht nach etwas, das weniger flüchtig und vergänglich ist als ein Newsartikel. „Ich will etwas anfassen können“, sagte mir ein langjähriger Auslandskorrespondent, „etwas, das auch mal über den Tag hinaus bleibt.“

Hier sehe ich verschiedenste Lösungen: Manche erschließen sich diese persönlichen Gebiete, indem sie sich redaktionell damit auseinandersetzen, z. B. in Beiträgen über ganz grundlegende Fragen wie Glauben, Lebensumbrüche, Endlichkeit. Andere engagieren sich privat in Feldern wie Flüchtlingshilfe und Hospizarbeit und finden dadurch einen Ausgleich.

Für einige ist das sogar ein Schritt in eine nebenberufliche Existenz. Ein Reporter begann, in seiner Freizeit historische Möbel zu restaurieren, weil dieses langsame, haptische Erlebnis für ihn der perfekte Gegenentwurf zum Beruf war. Ein Mitarbeiterin im Anzeigenverkauf, deren Tochter behindert ist, entwarf in ihrer Freizeit Kinderkleidung, die sich besser an- und ausziehen lässt, und verkauft sie jetzt in einem Internetshop an andere Eltern.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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