Wie lerne ich, besser für mich selbst zu sorgen?

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Man muss kein Chefredakteur oder Geschäftsführer sein, um festzustellen, dass sich problemlos alle 24 Stunden des Tages mit Arbeit füllen ließen. Die Teams sind heutzutage überall so „optimiert“, dass eigentlich fast auf jeder Hierarchieebene mehr zu tun ist, als in den regulären, also vertraglich vereinbarten Arbeitstag passt. Je nach Position, vom Reporter bis zum Anzeigenverkäufer, kommen Dienstreisen dazu. Und daheim warten abends Partner und Kinder mit ihren Bedürfnissen sowie all die privaten Erledigungen des Alltags.

Vielen Medienprofis gelingt es durchaus, all diesen Anforderungen gerecht zu werden. Allerdings stellen sie nach einigen Jahren vielfach fest, dass sie eines dabei vergessen haben: Sich selbst. Sie schlafen regelmäßig zu wenig, ernähren sich nicht besonders gut (all die Sandwiches unterwegs und ansonsten Kantine), kommen auch zu selten zum Sport und fühlen sich daher schwabbelig und nicht besonders fit. Von Hobbys, genug Zeit mit Freunden oder einfach mal fürs Nichtstun ganz zu schweigen.

Um diese Situation soll es heute gehen: Für alle anderen sorgen, aber zu wenig für sich selbst. Dass dieses Lebensmodell nicht nachhaltig ist, wissen die Betroffenen natürlich selbst: Grundsätzlich müssen sich Belastung und Erholung ausgleichen. Das geht nicht jeden Tag, und das ist auch kein Problem. Manchmal muss man eben für einen Kundentermin um 5 Uhr morgens raus und trotzdem noch nachmittags in die Kita, die Kinder abholen, und abends in den Supermarkt. Aber zumindest im Verlauf einer Woche oder spätestens eines Monats sollte es sich doch ausgleichen. Nur: Mancher sitzt auch jeden Sonntag noch über Unterlagen vor dem Computer daheim.

Erst leidet die Gesundheit, dann Partner und Job

Der erste Leidtragende ist die eigene Gesundheit. Schlafstörungen, Schwindelanfälle, Panikattacken sind nicht selten, Unter- oder Übergewicht und das Gefühl, niemals ganz gesund zu sein, etwa wegen andauernder Erkältungen. Selbst mancher Mittdreissiger sieht wegen des ständigen „Stress“ (Überlastung) bereits früh gealtert aus mit pergamentener Haut, Augenringen und erschöpftem Blick. Ein Urlaub wirkt zwar, aber schon zwei oder drei Wochen später ist alles wieder wie zuvor.

Der nächste Leidtragende ist der Partner, der regelmäßig allein ins Bett geht (z. B. wegen Dienstreisen, Nachtschichten am Wohnzimmertisch) oder hinnehmen muss, dass noch bis in den Morgenstunden und auch an Feiertagen neben ihm auf dem Handy getippt wird. Und sich am Wochenende um einen todmüden, kränklichen Partner kümmern muss, damit der am Montag wieder halbwegs fit ist. Das wird durchaus gern getan, allerdings nicht, wenn sich das zum Dauerzustand entwickelt.

Zuletzt sind die Folgen auch in der Arbeit zu spüren, wegen der man all das eigentlich überhaupt macht. Flüchtigkeits- und Hastigkeitsfehler mehren sich, Fehleinschätzungen durch zunehmenden Tunnelblick, überschießende Reaktionen bei normalen Konflikten mit Kollegen oder im Team. Häufig auch der verärgerte, neidische, manchmal auch stolze Eindruck, der Einzige zu sein, „der hier wirklich arbeitet“. Vielleicht geht sogar der eigene Vorgesetzte pünktlich heim und hält seine Sport- und Privattermine ein, während man selbst sitzen bleibt und weiterarbeitet.

Die Lebenslüge, dass es nur „im Moment“ so ist

Intellektuell ist all das natürlich für die Betroffenen völlig nachvollziehbar: Ewig kann das nicht so gehen und keinesfalls bis zur Rente. Bis dahin sind es nicht selten noch 20 Jahre, und man will sie eigentlich auch nicht völlig abgearbeitet erreichen. Was sie am Laufen hält, ist meist die Lebenslüge, es handele sich um eine Ausnahmesituation – „im Moment“ wäre eben viel zu tun. Neues Projekt, neues Team, Kollegen haben gewechselt und müssen erst ersetzt werden. Nur: Der „Moment“ geht seit Jahren oder bereits das gesamte Berufsleben.

So ist der erste Schritt zur Veränderung die Einsicht, dass man sich in diesem Punkt selbst belügt: Es handelt sich nicht um eine Ausnahmesituation, sondern um einen Dauerzustand. Extrem in Bezug auf Arbeitszeiten und Belastung ist das eigene Normal geworden. Das hat anerkennenswerte Vorteile, beispielsweise oft gut bezahlte und interessante Positionen, aber der Preis ist ebenfalls hoch. So muss jeder für sich selbst prüfen, ob sich das – wenn man eine Gesamtrechnung aufmacht – in der Summe noch lohnt oder überhaupt notwendig ist, zum Beispiel in Bezug auf Lebenshaltungskosten.

Der nächste Blick lohnt auf die Irrationalität des eigenen Verhaltens. Man könnte sich vor Augen führen, wie schnell und entschieden der Arbeitgeber reagieren würde, wenn man pausenlos das finanzielle Budget überziehen würden. Eine eben solche Verantwortung hat ein Mitarbeiter aber auch für sich selbst: Sein Guthaben an Kräften so zu verwalten, dass es genutzt, aber nicht überzogen wird, also Substanz abbaut. Warum tut man es nicht? Hier kommt nun der tiefere Blick in die eigene Motivation.

Da treten oft Überzeugung zutage, die aus früher Kindheit stammen, die man als Erwachsener für sich aber durchaus in Frage stellen kann. Dass man sich beispielsweise erst ausruhen darf, wenn sämtliche Arbeit getan ist, was natürlich nie der Fall ist. Oder es sich erst verdienen muss, dass die eigenen Bedürfnisse auch wichtig sind oder man überhaupt diesen Respekt einfordern kann. Hinter all den scheinbar logischen Erklärungen („es geht ja nicht anders“, „wir sind einfach zu wenig Leute“) zeigt sich an dieser Stelle, warum man all das eigentlich mit sich macht und machen lässt.

Kurzfristiger Aktionismus hilft in dieser Lage nur wenig, etwa die aktuelle Stelle zu kündigen oder sich in ein Sabbatical zu retten. Man würde danach einfach den nächsten derartige Job annehmen. So ist eine zweigeteilte Strategie erfolgversprechender: Seine eigene Motivation zu ergründen (ein guter Ansatz ist z. B. „Biografiearbeit“, also seine eigene Lebensgeschichte strukturiert aufzuschreiben und zu überdenken) und kleine, machbare Schritte. Beispiele dafür: Einen Tag pro Woche festlegen, der immer arbeitsfrei bleibt, kein Handy oder Laptop im Schlafzimmer und nach 22 Uhr, und ein definiertes Ende der Extrem-Belastung, falls sie wirklich einmal nötig ist. so wie man ein Projektende festlegen würde.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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