Wird Treue im Job belohnt?

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Ein Redakteur war jung bei einem überregionalen Medium gestartet und galt für einige Zeit als „High Potential“, also als Nachwuchshoffnung des Unternehmens. Er nahm an mehreren Programmen für junge Führungskräfte teil, erhielt aber nie eine leitende Position angeboten. Jetzt, mehr als 15 Jahre später, ist er noch immer Redakteur, wenn auch in einer höheren Tarifgruppe. Sein Gehalt stagniert jedoch, weil das Unternehmen seit einigen Jahren frühere außertarifliche Zulagen anrechnet. Jüngere Kollegen ziehen immer wieder an ihm vorbei.

In solch einer längeren Phase ohne Karrieresprünge, Angebote und Gehaltserhöhungen beginnen viele Medienprofis zu zweifeln: Wird Treue im Job überhaupt belohnt? Zahlt es sich aus, jahrelang ordentlich und ohne allzu viel Aufheben seinen Job zu machen, während die Chefs und Strategien kommen und gehen? Da Medienhäuser inzwischen bis zu 20 Jahre jüngere Mitarbeiter als früher in Führungspositionen befördern, sinken die Chancen für die Kollegen im mittleren Lebensalter zusehends. Um dieses Problem soll es heute gehen.

Treue zahlt sich aus, aber nur einige Zeit

Zuerst: Ja, Treue zum Unternehmen zahlt sich aus – aber nur bis zu einem gewissen Grad (etwa drei bis fünf Jahre). Danach erhalten Sie zwar noch gewisse weitere Vorteile, zu denen die Firma oft aber schon rechtlich gezwungen ist, z. B. höhere Tarifgruppe, verlängerter Kündigungsschutz. Gleichzeitig werden Sie weniger interessant aus Karrieresicht, wenn Sie nicht aktiv etwas tun: Älter und teurer, scheinbar oder tatsächlich unflexibler, etwa durch familiäre Bindungen an den Wohnort und ihre Ansprüche.

Wichtig ist es also, eine gesunde Mischung aus Durchhaltevermögen und Ehrgeiz zu finden. Ersteres zeigt sich darin, dass Sie begonnene Projekte auch umsetzen und Frustphasen überwinden können statt jedes Jahr die Firma wechseln, um „ihre Chancen zu optimieren“. Zweiteres zeigt sich darin, dass Sie sich gelegentlich weiterbilden, auch mal ein eigenes Projekt anregen und eben wechseln. Das muss kein Wechsel in ein anderes Medienhaus sein, ebenso interessant sind andere Ressorts, Redaktion oder Standorte. Sie zeigen damit, dass Sie auch an anderen Orten funktionieren und mit verschiedenen Arbeitsweisen, Vorgesetzten und Kulturen umgehen können.

Selbstverständlich kann man sein Leben nicht völlig nach den wechselnden Wünschen der Personalabteilungen ausrichten. Ein klein wenig sollten Sie aber auch darauf achten, wie Ihre Entscheidungen auf andere wirken. Eine Lokalreporterin hatte innerhalb von drei Jahren viermal die Redaktion gewechselt. Sie nannte jedesmal gute Gründe dafür – Probleme mit einem Chef, ein privater Umzug, zu wenig Interesse an zugewiesenen Themen. In der Personalabteilung bildete sich aber ein anderer Eindruck: Sie sei zumindest schwierig, eventuell sogar „psychisch problematisch“ – Vorgesetzte wurden vor ihr gewarnt. Bedenken Sie also die Folgen für Ihr Image, die Wahrnehmung der anderen, die nicht alle Details kennen können.

Überlegen Sie sich, welche „Geschichte“ Ihre Karriere erzählt

Überlegen Sie sich Ihre Entscheidungen dahingehend, welche „Geschichte“ sie über sich erzählen wollen. Ganz praktisch stellt sich diese Frage in Ihrem Lebenslauf, in Ihren Bewerbungsschreiben und -gesprächen. Warum waren sie zehn Jahre in der exakt gleichen Position? Wieso haben Sie die Stadt X oder die Redaktion Y nie verlassen, um auch einmal etwas anderes zu sehen? Darauf sollten Sie glaubwürdige Antworten haben, um auch im mittleren und höheren Berufsalter noch attraktiv zu bleiben und den Anschluss nicht zu verlieren, denn die Medienbranche verändert sich seit Jahren in drastischem Tempo.

Beispielhaft betroffen sind Magazinredakteure, die in den 90er Jahren oft noch hohe Gehälter oder Honorare aushandeln konnten. Heutige Magazinredaktionen kalkulieren mit wesentlich kleineren Auflagen und Anzeigeneinnahmen, damit mit drastisch kleineren Budgets. Nicht selten besteht die gesamte Redaktion aus ein oder zwei Stellen, die die gesamte Umsetzung an Subunternehmer (Presseagenturen) delegieren oder mehrere freie Mitarbeiter koordinieren. Wer sich in dieser Zeit nie weiterentwickelt hat, steht plötzlich vor einem verschwundenen Arbeitsmarkt und muss nicht selten sogar die Branche wechseln.

Was tun, wenn ich seit Jahren in einem Job feststecke? Entscheiden Sie zuerst, ob sie überhaupt einen Karriereschritt machen wollen. Nicht wenige wünschen sich ab einem gewissen Lebensalter einen anderen Schwerpunkt: Wohnung oder Haus kaufen, sich um Familie, Freunde und Hobbys kümmern. Dagegen ist nichts zu sagen, Sie müssen sich nur klar darüber sein, dass damit gewisse Voraussetzungen für einen Karriereschritt fehlen, etwa der Wille, sehr viel Zeit im Büro zu verbringen, auf Dienstreisen zu gehen, zu pendeln.

Falls Sie entschieden sind, beruflich aufzusteigen, erstellen Sie eine Liste Ihrer Prioritäten – was Ihnen ist wichtig ist, sortiert in absteigender Reihenfolge. Position, Titel, Arbeitgeber, Einkommen, Wohnort, Arbeitsweg? Sie werden feststellen, dass Karriere auch einiges kostet, der Preis für einen Aufstieg teilweise sogar ausgesprochen hoch ist. Das ist nicht zu vermeiden, suchen Sie also bei Ihren Recherchen und späteren Bewerbungen nicht ewig nach einer Variante ohne jeden Nachteil, sondern definieren Sie Schwerpunkte und das, was Sie bereit sind, dafür zu tun und an Veränderungen in Ihrem Leben zuzulassen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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