Abfindung nehmen oder Job behalten?

In mehreren großen Medienhäusern steht erneut „freiwilliger“ Stellenabbau an. Viele Journalisten stehen vor einer weitreichenden Entscheidung. Soll ich die Abfindung nehmen, wenn man sie mir anbietet. Oder soll ich meinen Job behalten, auch wenn er nicht mehr so toll ist? Natürlich ist sie immer individuell. Aber aus der Coaching-Praxis haben sich für meine Klienten drei Fragen als besonders hilfreich herausgestellt.

1. Hast du einen Plan für danach?

Für eine Abfindung spricht, wenn du bereits eine konkrete Vorstellung hast. Beispiel: Du denkst sowieso schon länger an eine Selbständigkeit. Und du hast eine recht präzise Idee und einen Businessplan ausgearbeitet, vielleicht einen Geschäftspartner und potentielle Kunden in Sicht. Hier wäre die Abfindung dein Startkapital für einen risikoarmen Übergang.

Für den bisherigen Job spricht, wenn du bisher nur über etwas „nachgedacht“ hast, aber nichts vorbereitet. Typischerweise wäre der Verlauf nämlich sonst häufig so: Du fährstn erst einmal in die Ferien. Dann erledigst du zu Hause alles, was so liegengeblieben ist – und stellst danach in Panik fest, dass ein Jahr vergangen ist und du vergessen zu Hause sitzt.

Ein Mittelweg wäre, wenn du tatsächlich Versäumnisse bei deiner eigenen Zukunftsplanung feststellst. Die Abfindung ablehnen, sich aber schon gedanklich damit anfreunden, dass man versuchen wird, dichbetriebsbedingt zu kündigen. Du gewinnst aber einige Monate Zeit, bereitest deinen Ausstieg diskret vor und erstreitest vor Gericht doch noch etwas Geld.

2. Wie gut sind deine Nerven?

Rechnest du auch in der besten Firma mit den weniger schönen Methoden des Stellenabbaus. Vielleicht holt man dich ohne jede Ankündigung mitten aus der Produktion, um dich zu überrumpeln. Oder in deiner monatlichen „Budget-Besprechung“ sitzt plötzlich jemand von der Personalabteilung und sagt, es ginge jetzt um deine Vertragsauflösung.

Vielleicht eröffnet man dir: „Du weisst ja, dass wir schon länger mit dir Probleme haben“, obwohl du das zum ersten Mal hörst. „Nimm lieber das Geld, ehe es keines mehr gibt.“ Oder man kommt dir jovial: „Das fällt mir jetzt selbst total schwer, ich mag dich ja, aber du weisst selbst, wie die Zeiten sind.“ Quasi: Aussteigen aus Mitgefühl.

Eine Abfindung anzunehmen, kann sinnvoll sein, wenn du dich psychisch nicht stark genug fühlst, einen Arbeitsgerichtsprozeß durchzukämpfen. (Einen Anwalt solltest du natürlich immer konsultieren). Für den Job spricht, wenn du einige Zeit mit allem von Liebesentzug bis Mobbing leben könnten, vielleicht erst noch eigene Pläne vorbereiten willst oder die Chance siehst, durch Beharrlichkeit die Abfindungshöhe nach oben zu verhandeln.

3. Wie ist deine Finanzlage?

Man sollte nicht glauben, wie viele Führungskräfte durch überzogenes Konsumverhalten und unkluge Finanzentscheidungen in fünf- bis sechsstelliger Höhe verschuldet sind und sich monatsweise durch die Dispokredite hangeln. Hier ist die Versuchung groß, die Abfindung als Befreiungsschlag zu sehen: Mit einem Schlag endlich alle Sorgen beseitigt.

Das Problem: Der Betrag wird meist deutlich überschätzt, die Steuerlast vergessen und die mögliche Sperre beim Arbeitslosengeld ebenfalls. Dazu ist offen, wie es weitergeht – es gibt seit längerem keinen sehr großen Arbeitsmarkt für hochbezahlte Autoren, Ressortleiter oder Chefredakteure mehr. Der neue Vertrag kann 25 bis 35 Prozent niedriger dotiert sein.

Wenn du  in Geldschwierigkeiten bist, würde ich dazu raten, den Job zu behalten und erst deine Finanzen zu ordnen: Dispo ausgleichen, Ausgaben senken, auch eine Umschuldung (neuer, günstigerer Kredit) ist oft nur mit Arbeitsvertrag möglich. Solltest du schuldenfrei sein, idealerweise keine zu hohen Lebenshaltungskosten und sogar Ersparnisse haben, ist eine Abfindung ein schöner Zugewinn – aber du bist nicht darauf angewiesen.

Grundsätzlich gilt: Gehe vorbereitet in Abfindungsgespräche – rechtlich (Betriebsrat, Anwalt), aber auch psychologisch. Denn in diesem Szenario stehst du zunächst einmal schwächer da: Für dich geht es um Existenz und Selbstwert, für dein Gegenüber um einen Fall von vielen, den er möglichst schnell und günstig lösen soll. Wer vorbereitet ist, kann dieses Gespräch dagegen zu seinem Vorteil nutzen – vielleicht für den längst überfälligen Schritt, das nächste Kapitel des beruflichen und persönlichen Lebens aufzuschlagen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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