Alarmstufe Rot: Was hilft noch, wenn die Probleme überhand nehmen?

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Manche Lebenskrise kommt mit jahrelanger Ansage. Immer mehr Probleme haben sich aufgestaut, bis es irgendwann einfach nicht mehr so weitergeht. Trotzdem gibt es Hoffnung, wenn man bereit ist, bestimmte Dinge zukünftig anders zu machen.

Eine stellvertretende Chefredakteurin spürte seit langem, dass etwas schief lief, ohne es sich erklären zu können. Der Geschäftsführer lehnte ihre Vorschläge mehrheitlich ab. Ihr Chefredakteur sagte ihr offen, dass er sie längst entlassen hätte, wenn er könnte. Im Team spürte sie mitleidige Blicke. Bei Konflikten übergingen die Mitarbeiter sie ungehemmt und holten sich die Zustimmung einfach direkt vom Chef. Sie fürchtete um ihren Job, der ständige Streit erschöpfte sie. Wie kam sie nur wieder aus diesem Alptraum heraus?

Ein Reporter, zweimal geschieden und unterhaltspflichtig für zwei Kinder, war trotz seines guten Gehaltes inzwischen fünfstellig verschuldet. Er hatte sich nach jeder Krise wieder vorgenommen, es bescheidener anzugehen. Doch auch seine aktuelle Wohnung war wieder zu teuer, und er ertappte sich selbst dabei, dass er erneut Reisen plante, die er sich eigentlich gar nicht leisten konnte. Seine neue Partnerin war ihm keine Hilfe, sondern lebte ähnlich unbedacht wie er. Wieso gelang es ihm nicht, vernünftiger zu sein?

Einfacher Ausweg nicht mehr realistisch

In der Coaching-Praxis treffe ich regelmäßig auf Medienprofis, die sich von einer Vielzahl Problemen gleichzeitig belastet fühlen. Hier geht es nicht mehr um Karriereplanung oder Kommunikationsfragen. Sondern: Das ganze Leben ist in Schieflage. Mehrere ungelöste Schwierigkeiten haben sich im Laufe der Jahre überlagert und verstärkt. Ein einfacher Ausweg ist nicht mehr erkennbar, auch nicht realistisch. Trotzdem gibt es Hoffnung. Ein Neuanfang ist auch bei „Alarmstufe Rot” möglich  – unter gewissen Bedingungen.

Diese Kennzeichen sind typisch für eine echte Notlage:

  • Mehrere gravierende Probleme überlagern sich. Einzeln wären sie gut lösbar, zusammen ist es zu viel. Beispiel: Du hast schwere Konflikte in der Redaktion, pendelst mehrere Stunden am Tag und versorgst einen kranken Angehörigen.
  • Deine Lage eskaliert, und du hast es kommen sehen. Die Entwicklung geht seit langem in die falsche Richtung. Du hast es ausgehalten, still gelitten oder dich gestritten, aber nicht gelöst. Beispiel: Du wirst schrittweise entmacht.
  • Du fühlst dich in ein emotionales Chaos verstrickt. Unzählige Gedanken rattern pausenlos durch deinen Kopf, oft noch nachts im Bett. Du fühlst Wut, Angst, Enttäuschung, Trauer. Klares, ruhiges Nachdenken ist kaum noch möglich.
  • Dir gelingt es nicht, das Problem allein zu lösen. Du hast es intellektuell erkannt. Aber du findest über längere Zeit (6-12 Monate) keinen wirksamen Weg, dich davon zu befreien. Ihnen gehen die Optionen und die Kraft aus. 
  • Dein Problem kehrt immer wieder zurück. Obwohl du dir immer wieder vornimmst, es diesmal anders zu machen, bist du doch schon bald wieder in der gleichen Situation. Beispiel: Jedes Mal wieder ein „schwieriger” Partner.

Für einen Coach sind diese Klienten nicht einfach. Fast immer melden Sie sich viel zu spät, z. B. wenige Tage vor dem Entlassungsgespräch oder wenn sie bereits seit vielen Monaten krankgeschrieben zu Hause sind. Sie verharmlosen ihre Lage noch immer vor sich selbst. Vermuten etwa, es gäbe da nur ein kommunikatives Missverständnis, dass sich mit einigen Tipps sicher schnell lösen ließe. Gleichzeitig sind sie so verausgabt, dass ihnen die Kraft für ruhiges Nachdenken und gezieltes Handeln weitgehend abhanden gekommen ist.

Anerkennen, dass man Hilfe benötigt

Für einen echten Neuanfang ist ein grundlegendes Umdenken die Voraussetzung. Etwas, was dem bedeutsamen ersten Schritt in jedem 12-Schritte-Programm (z. B. gegen Sucht) entspricht: Endlich anerkennen, dass man selbst seinen Problemen gegenüber machtlos ist und dass man seinen Alltag eigentlich nicht mehr bewältigen kann. Umgangssprachlich ausgedrückt: „Ich kann mir hier nichts mehr vormachen. Ich kriege das allein nicht hin, habe es jahrelang vergeblich versucht, und die Lage spitzt sich zu. Ich brauche wirklich Hilfe.”

Eine solche Situation bewegt sich im Grenzbereich zwischen Coaching und Therapie. Eine Therapie erlaubt deutlich mehr Sitzungen, damit Reflektion und Ursachensuche (80 bis 300 Stunden über ein bis drei Jahre), Die Krankenkasse kann die Kosten teilweise oder ganz übernehmen. Ein Coaching umfasst meist 6-12 Sitzungen über drei bis sechs Monate und wird selbst bezahlt. Diese Methode ist ziel- und zukunftsorientierter als eine Therapie, setzt aber voraus, dass ein Klient dazu überhaupt in der Lage ist. Ein Vorgespräch klärt das.

Wer im „roten Bereich” lebt, braucht also zuerst völlige Ehrlichkeit zu sich selbst. Der zweite Schritt ist, die Belastungen sofort zu senken. Mehr Ruhe und Erholung, weniger aufgewühlte Emotionalität, um überhaupt wieder einen Gedanken fassen zu können. Im dritten Schritt geht es um neue Klarheit: Wo stehe ich, wo will ich hin? Klar ist, dass sich die Situation nicht gleich wieder beim nächsten Arbeitgeber, Partner usw. wiederholen soll, wie es bisher oft war. Das erfordert ein gemeinsames Nachdenken über einen neuen Lebensentwurf.

Eine Lebenskrise ist keine Schande

Der vierte Schritt ist, daraus Pläne und konkrete Entscheidungen abzuleiten. Willst du deine Arbeitszeit reduzieren, welche finanziellen Veränderungen wären dafür nötig? Gefällt dir dein Arbeits- und Wohnort oder willst du dich sowieso verändern? Was würdest du als sinnvoll und lohnenswert betrachten? Derartige Fragen sind hier zu klären. Bei Bedarf bietet sich auch die Zusammenarbeit mit einem Schulden- oder Suchtberater an, falls etwa eine Umschuldung oder Ratensenkung zu verhandeln ist oder Alkoholmissbrauch vorliegt.

Eine echte Lebenskrise ist keine Schande. Sie kann jeden Medienprofi einmal treffen und ist oft nur teilweise selbst verschuldet. Halte dich also nicht lange mit Reue oder Vorwürfen an dich selbst oder andere auf. Aber auch nicht ewig mit weiterer Selbsttäuschung (“Ich krieg das schon allein hin!”), wenn dir die vergangenen Jahre gezeigt haben, dass du Hilfe gut gebrauchen könntest. Niemand sieht in dieser akuten Phase eine Krise als Chance. Aber später einmal wirst du wahrscheinlich zurückblicken und sehen, dass genau diese Situation dich dazu gezwungen hat, gewisse Dinge endlich anders anzugehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf kress.de

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