Bewerber-Not im Lokalen? Ja, aber so einfach ist es nicht…

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Viele regionale und lokale Medienhäuser haben Mühe, passende Bewerber zu finden. Aber interessierte Medienprofis müssen feststellen, dass es trotzdem nicht so einfach ist. Ein Artikel über die praktischen Herausforderungen für Bewerber im Lokalen.

Seien wir ehrlich: Wer in Hamburg, München oder Berlin wohnt, träumt nur in den seltensten Fällen davon, für eine Redakteursstelle nach Plauen, Paderborn oder Passau zu ziehen. Es wird wahrscheinlich noch nicht einmal ein Tarifgehalt bezahlt werden, und der weitere Aufstieg erfordert oft einen erneuten Umzug zurück in eine Medien-Großstadt. In meiner letzten Kolumne schrieb ich über die Schwierigkeiten regionaler und lokaler Medienhäuser, passende Bewerber zu finden. Gleichzeitig haben viele Interessenten erlebt, dass sie keine passenden Angebote fanden oder wider Erwarten nicht in die engere Auswahl kamen. Wie passt das zusammen? Dazu heute einige Gedanken mit Blick speziell für Bewerber.

Manche davon zweifeln schon vorab: „Es gibt doch überhaupt keine Lokalstellen mehr!” Ein Blick in die Stellenmärkte z. B. von Kress.de und Newsroom.de zeigt jedoch fortlaufend entsprechende Angebote. Die Leipziger Volkszeitung sucht aktuell z. B. einen CvD (Chef vom Dienst), die Rems-Zeitung einen Redaktionsleiter für Schwäbisch Gmünd, die Heilbronner Stimme einen Autoren für ihre Regionalredaktionen. Die Neue Osnabrücker Zeitung braucht einen Leiter Content Unit Emsland in Meppen, die Freie Presse einen lokalen Wirtschaftsredakteur für Chemnitz sowie einen Lokalredakteur für Mittelsachsen. Der Hessische Rundfunk sucht einen Crossmedia-Reporter in Kassel, Thüringen24 einen Online-Redakteur in Erfurt. 

Zuschlag für Pendler meist unrealistisch

Beim Lesen einiger Ortsnamen werden einige gedacht haben: „Da möchte ja auch keiner wohnen!” Das ist auch der häufigste Grund für den Mangel an Interessenten, sowohl aus privaten Gründen wie wegen dem empfundenen Verlust an Lebensqualität. Einige Bewerber erwägen, dann eben zu pendeln. Doch soweit der potentielle Arbeitgeber nicht sowieso einen Umzug einfordert, geht das finanziell selten auf. Das Gehalt ist ortsüblich, damit meist deutlich niedriger als in den bekannten Großstädten. Einen „Pendlerzuschlag” oder gar ein erhöhtes Gehalt wegen des persönlich nicht gewünschten Arbeitsortes kann man bestenfalls bei einem kapitalstarken Boulevardtitel oder als Chefredaktionsmitglied aushandeln.

Bei den – tendenziell niedrigeren – Lebenshaltungskosten zeigt sich ein sehr uneinheitliches Bild. Ein Beispiel, bezogen auf die Ausschreibungen der „Freien Presse” (212 958 Auflage): Eine 3-Zimmer-Wohnung (58 qm) in Chemnitz, sanierter Gründerzeit-Altbau mit Balkon und Einbauküche, kann es für 305 Euro Kaltmiete und 150 Euro Nebenkosten geben. In anderen Orten in der Nähe gefragter Ballungsräume sind die Ersparnisse oft nur geringfügig, wenn ein neuer Mietvertrag abgeschlossen werden muss. Kein Problem für Mitarbeiter vor Ort, die noch günstiger mieten konnten. Für Bewerber ist das problematisch, wenn das Angebot zu niedrig ausfällt.

Gut prüfen, ob die Werte vor Ort passen

Auch die politischen und kulturellen Werte müssen passen. Bayern ist nicht Hamburg, Thüringen ist nicht Berlin. Nicht wenige Medienprofis sind gerade „aus der Provinz” in die größeren, auch liberalen Städte gezogen und sehen diesen Schritt als entscheidenden Teil ihrer persönlichen Entwicklung. Im späteren Alter, vor allem mit Kindern, kann es reizvoll sein, in einem traditionellerem, auch konservativerem Umfeld zu leben. Darüber sollte man sich aber klar werden. Ich habe immer wieder Klienten gesehen, die sich am neuen Arbeitsort in einer Art politischen Opposition zum Chef und Team empfanden. Das sorgt schnell für Streit (z. B., wenn Kommentare zu schreiben sind), bald zum Zerwürfnis.

Jüngere, digitale Mitarbeiter sind knapp

In Bezug auf die Stellenprofile haben die meisten Regional- und Lokalmedien zeitverzögert die Entwicklungen der Überregionalen nachvollzogen: Newsrooms für die Mantelteile, teilweise komplett ausgelagerte Ressorts (z. B. für Beilagen, Ratgeber, Kultur), je nach Möglichkeit auch die Produktion von Videos, Podcasts u.ä. Gleichzeitig gibt es weiterhin Redakteure, die in Lokalredaktionen für ihre Ausgabe verantwortlich sind. Schon in den 90er Jahren waren diese Büros oft nur mit ein bis drei Planstellen ausgestattet. Es kamen viele Beiträge von freien Mitarbeitern. Diese Tendenz zur Zentralisierung hat sich verstärkt.

Gleichzeitig haben viele regionale Medien mehrheitlich Mitarbeiter, die seit Jahrzehnten dabei sind und ein klassisches Print-Profil haben. So haben Bewerber, die ähnlich aufgestellt sind –  Mitte 40 bis Anfang 60, digital eher Nutzer als Profi – tendenziell weniger Chancen. Die regionalen und lokalen Medienhäuser brauchen neue Mitarbeiter, die komplementär zum bisherigen Team sind, gleichzeitig motiviert und ausdauernd genug, nicht gleich wieder hinzuschmeißen („Hier bewegt sich ja nichts!”). Die Lokalredaktion als Rettungsanker für langjährige Journalisten, die nichts anderes finden – dieser verständliche Wunsch ist eher unrealistisch. Eine herausfordernde, manchmal auch frustrierende Situation für alle.

Für wen lohnt sich der Sprung ins Lokale nun? Kürzlich war ich wieder einmal in ganz verschiedenen Redaktionen unterwegs und traf eine Reihe von Kollegen, die es gewagt und nicht bereut haben. Mein Eindruck: Wer sowieso seinen Lebensstil verändern wollte, etwa in einer kleineren Stadt oder auf dem Land leben, kann glücklich werden. Das Gehalt mag geringer sein. Gleichzeitig sind viele Dinge da auf einmal möglich – günstiger Kita-Platz, zu Fuß in die Redaktion, etwas neu aufbauen können. Als reine Vernunftsentscheidung ist dieser Schritt dagegen nicht empfehlenswert, denn er ist die kleine Variante des Auswanderns. Dann lieber eine ganz andere berufliche Richtung anpeilen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf kress.de

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