Bin ich zu gut für meinen Job?

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Der Stellentitel paßt nicht. Das Gehalt ist zu niedrig. Die Mitspracherechte und Entscheidungsspielräume sind zu klein. Jeder fragt sich einmal, ob er nicht eigentlich einen besseren Job verdient hätte. Zu Recht? 

Ein Redakteur, seit bald zehn Jahren in gleicher Position, hatte sich immer wieder um die Ressortleiterstelle bemüht, wenn der nächste Wechsel absehbar war. Dem Chefredakteur sein Interesse kundgetan. Im Kollegenkreis mehr oder weniger subtil gestreut, dass er sich „gern weiterentwickeln” wolle. Sich auch einmal formell beworben, als die Position offiziell ausgeschrieben war. Aber es blieb bei übergangsweisen Vertretungen. Die Stelle ging jedes Mal an jemanden, den er selbst für weniger qualifiziert und geeignet als sich selbst hielt.

Bin ich zu gut für meinen Job, habe ich nicht längst etwas Besseres verdient? Diese Frage stellen sich fast alle Medienprofis im Laufe ihrer Karriere einmal. Manche wütend, andere verunsichert oder resigniert. Der häufigste Anlass ist der Eindruck, für die eigene Leistung und den Einsatz nicht ausreichend gewürdigt zu werden und auch keine Alternative zu finden. Der Stellentitel scheint unangemessen, das Gehalt zu niedrig, Mitspracherechte und Entscheidungsspielräume zu klein. Die Stelle ist langweilig und stressig zugleich.

Es ist verständlich, wenn du dich in solch einer Situation zunächst über andere ärgerst, etwa deinen Chef oder das Unternehmen – „Keiner sieht, was ich leiste”, „Ich lasse mich nicht länger ausnutzen!” Ebenso, wenn du auf dich selbst wütend oder über dich enttäuscht bist – „Wieso kriege ich das nie hin?”, “Ich lasse mir zu viel bieten…” Doch hinter derartigen Entscheidungen steckt eine gewisse Logik, die du spätestens nach sechs bis zwölf Frust-Monaten erkunden solltest. Diese Reflektion führt dich aus der Sackgasse.

1.  Selbst- und Fremdwahrnehmung vergleichen

Zuerst einmal stimmen in dieser Situation offenkundig Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht überein. Man hält sich selbst geeignet für eine bessere Position. Der eigene Arbeitgeber, der einen eigentlich gut kennen sollte, nicht. Eventuell weisen auch Absagen anderer Unternehmen, falls du dich bereits extern beworben haben solltest, in die gleiche Richtung. Diplomatische Formulierungen auf „andere Kandidaten, deren Profil noch besser als deines mit unseren Anforderungen übereinstimmte” sind typische Hinweise darauf.

Im Coaching sehe ich viele Medienprofis, die tatsächlich aus ihren Stelle herausgewachsen sind. Sie sind besser – erfahrener, effektiver, stärker – geworden, ohne dass das honoriert worden wäre. Sie müssten aufsteigen, aber die Wunschposition ist besetzt oder jemand anderem versprochen (z. B. externer Bewerber). Manche sind derart selbstständig und führungsstark geworden, dass sie im Grunde gar nicht mehr in eine Festanstellung passen, sondern besser als Freiberufler arbeiten oder ein eigenes Unternehmen gründen sollten.

Andererseits kommt es gerade bei Berufsanfängern auch vor, dass sie ihre Leistung als zu hoch und damit falsch einschätzen. Typisches Missverständnis: Eine gute fachliche Leistung (z. B. ein solider oder sogar ausgezeichneter Reporter zu sein) qualifiziert nicht automatisch zu einer Führungsposition (z. B. Ressortleiter), weil es sich dabei doch um eine andersartige Tätigkeit handelt. Vergessen wird häufig auch, wie oft Stellen eher aus taktischen Gründen vergeben werden. Etwa, um attraktive externe Bewerber ins Unternehmen zu holen.

Du bringst Selbst- und Fremdwahrnehmung näher zusammen, indem du dir möglichst objektives, qualifiziertes Feedback einholst. Frage nicht Leute, die dich sowieso sehr mögen, die nichts zu deiner Tätigkeit sagen können (z. B. Partner, Eltern, Freunde) oder Ihnen aktuell zu nahe sind (z. B. Chef, Kollegen). Gute Ratgeber sind entferntere Branchenkollegen, ehemalige Vorgesetzte, Mentoren, externe Berater. Ihre Hinweise können dich bestärken, aber auch Verbesserungen anregen, etwa deine Außendarstellung oder Kommunikation.

2.  Job- und Persönlichkeitsprofil prüfen

Eine zweite Ebene ist der Vergleich zwischen dem Jobprofil und dem Profil der eigenen Persönlichkeit, also den eigenen Stärken, Interessen und Werten. Die Frage ist: Passt der Job, den ich unbedingt will, überhaupt wirklich zu mir? Auch: Gibt es vielleicht Sinn, dass es nie geklappt hat – bin ich vielleicht wirklich der Falsche für diese Stelle? Das kann viele Gründe haben, manche würden sogar für dich sprechen. Je neutraler du dich selbst und die Situation erkunden kannst, desto mehr Klarheit und Sicherheit wirst du finden.

Beispielsweise kann es sein, dass du dich um eine Führungsposition bemühst, für die du aber viel zu umtriebig und engagiert sind. Das Unternehmen wünscht sich in Wahrheit jemanden, der den Betrieb am Laufen hält, aber keine echten – riskanten – Veränderungen anstößt und umsetzt. Das widerspricht vielleicht Ihrer Logik und Ihrem Selbstverständnis, kommt aber vor. Ich hatte schon Klienten, denen im Bewerbungsgespräch gesagt wurde: „Du kannst hier nichts verändern.” Oder: „Für unser Team bist du zu dynamisch.”

Auch in anderen Punkten können Job- und Persönlichkeitsprofil nicht zusammenpassen. Beispiel: Du bewirbst dich aus Pragmatismus um eine CvD-Stelle im Onlinebereich, aber es ist leicht erkennbar, dass du eigentlich lieber Reportagen schreiben und Interviews führen willst. Entsprechend verhalten ist dein Enthusiasmus, und das wird bemerkt werden. Eine Absage ist auch in solch einem Fall schmerzlich. Gleichzeitig aber ein Hinweis, dass du hier um etwas kämpfst, das gar nicht (oder nicht mehr) zu dir passt.

Werden dir so klar wie möglich darüber, was du genau willst. Arbeitsinhalte, Firmenklima, Organisation, Arbeitsweise – das kann jeden Aspekt einer Stelle umfassen. Formuliere zur Reflektion einmal die Beschreibung Ihres Traumjobs, wenn du magst. Du wirst niemals alle Maximalforderungen durchsetzen können, aber erkennen, was deine Richtung und Bestimmung ist. Du erschwendest damit weniger Energie für etwas, das nicht zu dir passt, und erkennst mehr Chancen, die du zielgerichteter verfolsgst.

Wie eingangs bemerkt, gehört eine derartige Krise zu fast jeder Karriere. Hoffe nicht darauf, dass dich jemand eventuell entdeckt und rettet. Drohe nicht frustriert mit Kündigung, wenn du im Notfall nicht wirklich gehen würdest und könntest. Ärgere dich nicht, schimpfe nicht. Sondern beschäftige dich aktiv mit deiner Situation und Zukunft.  Du ersparst dir damit viele verlorene Jahre, in denen du bereits in einem interessanteren, angenehmeren, besser bezahlten, sinnvollerem Job arbeiten könntest.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf kress.de

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