Corona-Krise: Darf ich auch noch an mich denken?

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Nachrichten-Stress in der Redaktion, gleichzeitig Kurzarbeit und heimlicher Stellenabbau, Spannungen im Home Office und private Belastungen: Die Corona-Krise führt viele Medienprofis an ihr Limit. Gerade jetzt muss man sich abgrenzen können, um durchzuhalten.  

In diesen Tagen geht es vielen Medienprofis sehr ähnlich. Da hatte man sich jahrelang ausgemalt, wie schön es wäre, mehr im Home Office arbeiten zu können und überhaupt „mehr Zeit für die Familie” zu haben. Nun hat der Coronavirus diese Träume unerwartet wahr gemacht. Ergebnis: Die Realität sieht anders aus als gedacht. Man hockt vielleicht gestresst mit dem Partner am Küchentisch, jeder an seinem Laptop, und geht sich schon jetzt langsam auf die Nerven. Die Kinder sind mit Disney+ nur halbwegs ruhig gestellt, sollten eigentlich beim Heimunterricht unterstützt werden und wollen endlich raus.

Gleichzeitig ist die Redaktion in Aufruhr: Inhaltlich fast nur ein Thema, aber viel zu wenige Mitarbeiter – nicht nur wegen Ab- und Krankmeldungen. Bertelsmann, Funke und die Südwestdeutsche Medienholding haben Kurzarbeit mit entsprechend gesenkten Einkommen eingeführt, um weggebrochene Umsätze auszugleichen. ProSiebenSat.1 will die Rechnungen freier Mitarbeiter und Produktionsgesellschaften nun erst nach drei Monaten bezahlen. Gleichzeitig läuft vielerorts ein heimlicher Stellenabbau. Von Abfindungen bis zum Psychoterror – Degradierungen, Strafversetzung in die Provinz – ist alles dabei.

Gesunde Balance aus Nehmen und Geben

Die Corona-Krise führt viele Medienprofis an ihr Limit. Nicht wenige sind bereits am Ende ihrer Kräfte. Gleichzeitig haben sie fast so etwas wie ein schlechtes Gewissen: Darf ich in diesen Zeiten überhaupt an meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche denken, ist das nicht völlig egoistisch und selbstvergessen? In meinem neuen Buch „Ich mach da nicht mehr mit”, das diese Woche erschienen ist, geht es um dieses Dilemma. Fazit: Gerade in einer Krise ist eine gesunde Balance zwischen Geben und Nehmen wichtig, um durchzuhalten. Nur wer auf seine eigenen Ressourcen achtet, kann langfristig sich und anderen helfen.

In den ersten Tagen der Krisen waren die meisten Medienprofis selbstverständlich bereit, weit mehr als das Übliche zu leisten. Überstunden, Urlaubsverzicht, Improvisieren von zu Hause aus. Nur, um festzustellen, dass die Solidarität teilweise eine Einbahnstraße war. Eine langjährige Reporterin berichtete mir, dass sich ihr Arbeitgeber überhaupt nicht scheute, sie gerade jetzt kaltzustellen – nur noch Meldungen schreiben und Spätdienste im Newsroom. Es wäre ansonsten für sie kein Platz mehr im Team, höchstens vielleicht in der ausgelagerten Service-Redaktion. Andere sollen auf Kurzarbeit, aber voll weiterarbeiten. So spart der Arbeitgeber. Sie selbst müssen eben schauen, wie sie klarkommen.

In einer Krise sind oft unangenehme Gespräche fällig

Selbst die besten Absichten schützen nicht vor Problemen. Eine befreundete Journalistin hatte angeboten, älteren Nachbarn bei Einkäufen zu helfen. Der Bestellzettel hatte es dann in sich. Allein an Mineralwasser wurden zwölf 1,5-Liter-Flaschen (18 Kilo Gewicht) gewünscht. Nun bereute sie ihre Hilfsbereitschaft, genierte sich aber auch, ihren Ärger auszusprechen. Auch zu Hause ist manches unangenehme Gespräch zu führen: Bei aller Arbeitsbelastung – wie werden denn nun die banalen Pflichten wie tägliches Kochen und Kinderbetreuung aufgeteilt, wenn Kita, Schule und Firmenkantine ausfallen?

In Krisenzeiten scheuen sich viele davor, eigene Bedürfnisse auszusprechen. Das gilt in Zeiten des Coronavirus ebenso wie bei alltäglichen Herausforderungen: Sonderprojekten im Job, pflegebedürftigen Eltern oder einer anstrengenden Pendelbeziehung. Also immer dann, wenn eigene Kräfte bereits stärker als normal beansprucht sind. Oft schwingt ein Vorwurf mit: „Gerade jetzt lässt du mich hängen!”, „Von dir hätten wir mehr erwartet – nach all dem, was wir für dich getan haben”, „Ich hätte nie gedacht, dass du so egoistisch bist”. Hier gilt: Lass dich nicht erpressen und dir Schuldgefühle einreden. Helfe, wenn du kannst, aber freiwillig und entsprechend deinen Ressourcen. Achte auch auf dich.

Kleinigkeiten machen schon einen Unterschied

Oft machen bereits Kleinigkeiten einen großen Unterschied: „Das Schlafzimmer gehört jetzt mal eine Stunde mir. Ich ruhe mich aus und will nicht gestört werden.” – „Ich gehe eine halbe Stunde spazieren – allein.” – „Tut mir leid, da kann ich dir auch nicht helfen. Wenn du es nicht allein schaffst, geht es derzeit nicht.” Du musst nicht ständig für alle da sein. Ist etwas neu zu verhandeln, kannst du das jeden Tag tun. Nur, weil du etwas zehn Jahre auf eine bestimmte Weise gemacht hast, musst du das nicht fortsetzen. Beispiel: Einseitige Belastungen oder Verantwortungen bei der Arbeit in der Redaktion oder zu Hause.

Auch mit dem Arbeitgeber kannst du „gerade jetzt” verhandeln. Er geht auf Kurzarbeit, aber du sollst mehr arbeiten, als er bezahlt? Verhandele über flexiblere Arbeitszeiten oder, falls du pendelst, an wie vielen Tagen du dann noch in die Stadt kommst. Deine Stelle soll völlig verändert oder ganz gestrichen werden? Das ist vielleicht die Gelegenheit, eine Abfindung und ein Outplacement-Coaching auszuhandeln, um eine Selbstständigkeit vorzubereiten oder die Branche zu wechseln. Kurz: Nutze die Krise, so wie es andere auch tun. Das ist nicht ehrenrührig oder peinlich, sondern klug und verantwortungsvoll.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf kress.de

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