Coronakrise klingt ab: Was sich für Medienprofis verändert hat

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Die Redaktionen starten neu, bauen aber auch Stellen ab, um zu überleben. Die Mitarbeiter haben höhere Ansprüche und sind gewillter und mutiger denn je, notfalls den Arbeitgeber oder gleich die Branche zu wechseln. Hier erfährst du mehr über Trends nach der akuten Coronakrise.

In die ersten Newsrooms kehrt das Leben zurück. Bei der DPA sind nach fast 50 Tagen mit einer fünfköpfigen Notbesetzung die ersten 20 Mitarbeiter wieder da – von normalerweise 300. Der Würzburger Fachverlag Vogel verkündet 41 Kündigungen und schickt weitere 13 Mitarbeiter in vorgezogene Altersteilzeit. Bei der Neuen Zürcher Zeitung wird von zehn Prozent Personalabbau gemunkelt. Das Anzeigengeschäft der Branche könnte sich 2020 halbieren. Events sind weiterhin kaum planbar.  Schadensbegrenzung und Neustart überall.

Auch jeder Medienprofi zieht in diesen Tagen individuell Bilanz: Was hat mich die Krise bis jetzt gekostet und wie kann es nun weitergehen? Wer ohne Ausgleich in Kurzarbeit ist, hat Einkommen verloren. Wer frei arbeitet, Aufträge und Provisionen. Mancher konnte einen bereits sicher geglaubten neuen Job nicht antreten. Die finale Bewerbungsrunde fiel aus, oder die Stelle wurde gestrichen. Nicht wenige fühlen sich erschöpft, müde, abgekämpft. Doch das ist nur eine Seite. Gleichzeitig bietet der Umbruch auch neue Chancen.

Letzter Anstoß für eine Veränderung

Für viele ist die Coronakrise der letzte Anstoß, eine berufliche oder persönliche Veränderung endlich zu wagen. „Überlegt habe ich in den letzten Jahren ewig”, sagte mir ein Klient. „Jetzt mache ich es. Was habe ich zu verlieren?” Die letzten Monate haben eindrücklich vor Augen geführt, wie wenig belastbar manch sicher geglaubte Zukunftsplanung war. Das muss nicht nur Angst machen, sondern kann auch befreiend wirken. Warum noch weitere Jahre an den alten Vertrag klammern, wenn sowieso alles schnell ganz anders aussehen kann?

Die Improvisationen während der akuten Krise haben auch neuen Ansprüche geschaffen. Dauerhaft Home Office? Es funktioniert nicht nur, sondern kann sogar sehr angenehm und praktisch sein. Virtuelle Konferenzen? Besorgt uns endlich vernünftiges Internet und einigt euch auf einen Anbieter. Mehr eigene Entscheidungen treffen können? Bitte! Selbst sehr traditionelle Journalisten sind es inzwischen leid, jeden Tag in ein Gerüst aus Meetings eingezwängt zu werden, die sie weitgehend als Zeitverschwendung wahrnehmen.

Selbstbewusster und weniger geduldig

In meinen Coachings habe ich zunehmend Journalisten, die trotz hoher Einkommen (jährlich 75 000 bis 90 000 Euro auf Redakteurs- bis Teamleiterebene) nicht mehr bereit sind, alles so weiterzumachen wie bisher. Sie sehen durchaus die Risiken eines Arbeitgeber- oder Branchenwechsels. Vor allem, wenn noch Kinder im Haushalt sind. Gleichzeitig ist ein selbstbewusster Pragmatismus eingekehrt: Man wird mit den Folgen klarkommen, wenn sich etwa eine neue Stelle oder ein Wohnortwechsel doch nicht als beste Wahl herausstellen.

Ein Unwille ist zunehmend auch zu verspüren, sich mit jedem Unfug zu beschäftigen. Muss man sich als Medienprofi wirklich in jede Verschwörungstheorie hineinziehen lassen, in jede unsinnige Diskussion? Bei nicht wenigen Journalisten posten Leser selbst auf die private Facebook-Wall und fordern Stellungnahmen zu Blogbeiträgen oder Videos mit höchst zweifelhaften Ansichten. Der einstige Anspruch – jede Zuschrift wird ernst genommen – weicht zunehmend einem anderen Ansatz: Gewisse Mindeststandards müssen sein.

Weniger Angst vor Abstieg und Risiken

Einschränkungen des Lebensstandards wirken angesichts einer existenziellen Krise nicht mehr so beängstigend. Ferien am Wohnort? Gar nicht schlimm – angenehm entspannt, und viel Geld spart man auch noch. Weniger verdienen? Würde man hinkriegen, wenn man sich ein wenig einschränkt. (Im Coaching werden meist 20 Prozent Gehaltsverzicht als akzeptabel genannt, wenn man sich dafür anderweitig verbessert.) Gewisse Trendprodukte nicht haben? Völlig egal. Die Angst vor dem Image-Abstieg kaum noch relevant.

Die Coronakrise hat den Blick auf die berufliche und persönliche Lebensplanung weiter geschärft: Ist das überhaupt noch der Job, für den ich gekommen bin? Wie sieht die Perspektive aus? Und was will ich überhaupt? Die Berufseinsteiger glauben nicht mehr an die klassische lineare Karriere, die langjährigen Profis mehr an die Weiterbeschäftigung bis zur Rente. Vor kurzem hätte das noch beängstigend geklungen. Inzwischen spricht daraus ein entschlosseneres, selbstbestimmteres Denken: „Jetzt geht es hier mal um mich!”

Dieser Beitrag erschien zuerst auf kress.de

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