Kündigen, weil die politische Linie nicht mehr passt?

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Mancher Medienprofi empfindet sich in einem Zwiespalt: Die politische Ausrichtung des Arbeit- oder Auftraggebers passt nicht mehr, etwa wegen der Linie des neuen Chefredakteurs. Aber deswegen gehen? 

Die Reporterin einer großen Tageszeitung las das eigene Blatt schon seit längerem mit Unbehagen. Nicht selten war es ihr inzwischen sogar peinlich, dass ihr Name darin neben Beiträgen auftauchte, die sie innerlich zutiefst ablehnte. Die politische Ausrichtung, die der neue Chefredakteur angestoßen hatte, war ihr zutiefst zuwider. Ihre einstige redaktionelle Heimat war ihr fremd geworden. Gleichzeitig sah sie, dass es auch genug Unterstützer für den neuen Kurs gab. Musste sie damit leben oder war es Zeit, sich zu verabschieden?

Innere Konflikte wegen der weltanschaulichen oder politischen Ausrichtung eines Mediums sind ein regelmäßiges Thema in meiner Coachingarbeit mit Journalisten. Oft geht ihnen eine jahrelange Entfremdung voraus, manchmal aber auch eine plötzliche Einsicht. Etwa, wenn eine neue Redaktionsleitung den Kurs  geändert hat, um sich an veränderte Stimmungen anzupasen und neue Leserschichten anzusprechen. Aber auch, weil man selbst vorher wenig mit politischen Themen in Berührung gekommen war, nun aber unvermeidbar jeden Tag (z. B. nach einem Wechsel von der Lokal- in die Zentralredaktion).

Öffentliche Abrechnung ist zwiespältig

Einige Medienprofis entschließen sich in dieser Situation zur öffentlichen Abrechnung mit dem früheren Arbeit- bzw. Auftraggeber. Manche per Buch. Beispiele: Birk Meinhardt (1992 bis 2017 bei der Süddeutschen) mit „Wie ich meine Zeitung verlor”, Juan Moreno (seit 2007 beim Spiegel) mit „Tausend Zeilen Lüge”, Bruno Ziauddin (2002 bis 2008 bei der Weltwoche) mit „Bad News” oder der inzwischen verstorbenen Udo Ulfkotte (1986 bis 2003 bei der FAZ) mit „Gekaufte Journalisten”. Andere per Blog oder mit Social-Media-Beiträgen.

Selbstverständlich findet jemand, der sich öffentlich gegen eine große Medienmarke stellt, den Applaus von Kreisen, die diese schon vorher mit Argwohn oder Ablehnung betrachtet haben – oder grundsätzlich allen Medien misstrauen („Lügenpresse”). Nicht selten wird anfangs auch anerkannt, wenn jemand mögliche Missstände benennt. Mittelfristig fallen die Indiskretionen und Vorwürfe an langjährige Arbeit- und Auftraggeber oft auf die Absender zurück. Wenn der Applaus nachlässt, bleiben sie nicht selten recht isoliert zurück.

Etwa wegen der Frage, warum man denn selbst jahrelang mitgemacht und -verdient hat. Oder wie glaubhaft die häufige Darstellung ist, dass es angeblich erst zum Ende hin oder nach dem eigenen Ausscheiden „immer schlimmer” wurde. Auch: Wie viel Verantwortung ein Mitarbeiter, gar eine frühere Führungskraft nach oben abdelegieren kann. Potentielle spätere Arbeit- oder Auftraggeber werden sich zudem überlegen: Will man mit jemanden arbeiten, der einen eventuell auch einmal zum Thema eines Enthüllungsberichtes machen könnte?

So empfiehlt sich diese Strategie vor allem für diejenigen, die altersmäßig sowieso aus dem Berufsleben ausscheiden oder sich professionell als „Medienkritiker” positionieren wollen. Prominente Beispiele hierfür sind Roland Tichy (früher u.a. Wirtschaftswoche, Capital) und Gabor Steingart (früher u.a. Spiegel, Handelsblatt). Sie wurden von leitenden Angestellten zu Medienunternehmern, die sich nun als Kritiker des Systems präsentieren. Andere sind gleich in die Politik oder Politik-Kommunikation gewechselt, um dort aktiv zu werden. 

Stiller Wechsel ist am häufigsten

Weitaus häufiger ist der stille Wechsel zu einem anderen Medium oder sogar in einen anderen Beruf, vor allem für Redakteure und Ressortleiter. Nur genaue Beobachter einer Redaktion bekommen oft überhaupt mit, wenn sich plötzlich die „freiwilligen” Abhänge nach der Umbesetzung einer Chefredaktion häufen. Redakteure, die teilweise Jahrzehnte dabei waren, sind plötzlich verschwunden. Dafür kommen neue Mitarbeiter, für die das Medium exakt wegen des neuen Kurses nun plötzlich eine interessante Option geworden ist.

Wie nun damit umgehen, wenn einem der eigene Arbeitgeber auf einmal „zu rechts” oder „zu links” – beide Erlebnisse gibt es – erscheint? Zuerst: Jede Redaktion wandelt sich in ihren Ansichten. Selbst Medien, die für Außenstehende als ausgepsrochen monolithisch gelten, haben Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen Ansichten in ihrer Belegschaft. Ein Chefredakteur ist explizit dafür angestellt, eine Ausrichtung vorzugeben, man kann es ihm also schwerlich vorwerfen. Zudem wandeln sich auch die eigenen Ansichten. 

Sechs Fragen für die Selbstreflektion

Es ist also ganz unmöglich, ständig mit allen – und zu allen Themen – im Konsens zu sein. Ein Fremdeln mit bestimmten Ansichten ist also irgendwann ganz normal und weist darauf hin, dass man sich selbst entwickelt hat oder das bisherige Umfeld nicht mehr passt. Aber was soll man hinnehmen und wann ist es Zeit für einen Wechsel aus diesem Grund?

Folgende Fragen können dir bei der Selbstreflektion helfen:

  1. Hast du das Gefühl, in Redaktionskonferenzen ständig deine wahre Meinung verbergen zu müssen, um nicht als Dauer-Opposition dazustehen?
  2. Werden regelmäßig Beiträge von dir abgelehnt mit Begründungen wie, dass sie „unsere Leser verwirren” oder „die falschen Signale geben” würden?
  3. Kannst oder willst du das nicht mehr pragmatisch hinnehmen, sondern empfindest du dich damit als Persönlichkeit eingeschränkt und unterdrückt?
  4. Kreisen deine Gedanken immer wieder darum, wie bestimmte Themen in deinem Medium aus deiner Sicht falsch dargestellt oder kommentiert werden?
  5. Stellst du fest, dass sich in dir echte Wut oder sogar Hass z. B. gegen deinen Ressortleiter oder Chefredakteur aufbaut?
  6. Merkst du, dass sich dein Frust nicht verbergen lässt, du z. B. immer wieder über die Linie deines Arbeitgebers klagst und schimpfst?

Wenn du mindestens vier dieser Fragen mehrheitlich mit Ja beantwortest, ist es Zeit für einen Wechsel innerhalb der nächsten 6-9 Monate. Gegen die eigenen Überzeugungen und Werte zu arbeiten, ist enorm erschöpfend. Jeder Arbeitsauftrag wird zum inneren Disput und führt nicht selten zu Konflikten mit Vorgesetzten. Etwa darüber, wieweit ein abgelieferter Text umgeschrieben wird. Eine weltanschaulich besser passende Redaktion oder auch ein anderer Arbeitgeber (z. B. Firma, Stiftung oder NGO) entlastet dich hier enorm.

Wenn Sie nur drei bis vier Fragen mit Ja beantwortet haben, können Sie wahrscheinlich mit genug Pragmatismus noch ein bis zwei Jahre bleiben, ohne dass es Sie zu sehr belastet. Hier ist es empfehlenswert, die eigenen Ansichten zu hinterfragen,  zu klären und zu beobachten, wie sich der Kurs weiter entwickelt. Der Wechsel in ein weniger politisches oder weltanschaulich geprägtes Ressort kann zudem helfen (z. B. von der Außenpolitik in die Nachrichten). Sinnvoll hier: Erneute Bestandsaufnahme nach ca. einem Jahr.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf kress.de

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