Mehr Resilienz: So erschöpfen sich Medienprofis nicht schon am Jahresanfang

Jedes neue Jahr beginnt mit einer kleinen Ernüchterung: Der Januar stellt sich schon nach wenigen Tagen als gar nicht so viel anders als der Dezember heraus. Dabei sollte doch ab 1.1. alles besser werden! 2021 heißt das: Die Lockdowns gehen weiter mitsamt allen ihren Folgen, die Weltlage ist weiterhin dramatisch. Der nächste Urlaub lässt sich wieder nicht planen oder ist schon gestrichen, und möglicherweise geht das noch das ganze Jahr so. Ein Unterschied zu 2020 aber: Manche Medienprofis verlieren inzwischen merklich die Nerven und ihre Kraft, da bereits fast ein Jahr unter ähnlichen Umständen hinter ihnen liegt.

Auf Facebook sehe ich deutsche Journalisten, die persönlich so aufgewühlt sind, dass sie die Seiten amerikanischer Politiker mit aggressiven Kommentaren überziehen – mit dem Namen ihrer Arbeitgeber im Profil. Die erste Nachricht, dass ich einen bestimmten Beitrag zu den Corona-Maßnahmen unbedingt lesen müsse, ging heute um 4.29 Uhr bei mir ein. Von jemandem, der mir um 23.07 Uhr zuletzt geschrieben hatte, aber tagsüber eigentlich erholt für den Job sein müsste. „Wir sind alle ziemlich durch hier“, meinte ein Freund. „Es reicht jetzt schon.“ Vielen fällt es privat schwer, sich den Mechanismen der eigenen Branche zu entziehen: Immer noch eine  „Breaking News“ lesen, noch einmal kommentieren.

Selbstverständlich ist es jedem selbst überlassen, wie er sein Jahr nicht nur beginnen, sondern innerhalb der Möglichkeiten insgesamt gestalten will. Gleichwohl ist es in einer derart aufgeregten, unübersichtlichen und anstrengenden Situation empfehlenswert, für stabilisierende Faktoren im eigenen Leben zu sorgen. Zu stark ist die Sogkraft der vielen Ärgernisse und Aufregungen, um sich ihnen unkontrolliert zu überlassen. In dieser ersten Kolumne des Jahres daher Empfehlungen, um Ihre psychische Widerstandskraft (Resilienz) zu stärken. Sie helfen Ihnen, die kommenden Herausforderungen besser zu bewältigen.

Reflektieren Sie Ihre Gefühlslage am Jahresanfang

Das neue Jahr ist eine Woche alt. Wie fühlen Sie sich? Halten Sie einen Moment inne und reflektieren Sie Ihre Gefühlslage: Sind Sie trotz der Feiertage aufgewühlt, angespannt oder erschöpft – oder entspannt, gesammelt und konzentriert, so weit es die Umstände zulassen? Sollte ersteres zutreffen, könnten einige praktische Änderungen in Ihrem Alltag überfällig sein, um Ihre psychische und körperliche Gesundheit zu schützen und zu stärken. Bedenken Sie, dass ein weiteres anspruchsvolles Jahr vor Ihnen liegt, das weitgehend wie 2020 aussehen könnte. Sie brauchen Kraft und Ausdauer, einen „langen Atem“.

Entscheiden Sie bewusst, worauf Sie Energie verwenden

Als Medienprofi wissen Sie am besten, nach welchen Prinzipien Nachrichten und Bilder ausgewählt werden, wie News-Seiten und Fernsehsender um Aufmerksamkeit und damit Nutzungszeit werben: Das Drama hat nie ein Ende. Privat kostet Sie das allerdings Ihre Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit, die Ihnen dann woanders fehlen. In ihrer Freizeit sollten Sie sich deshalb dem, so weit es beruflich möglich ist, entziehen. Begrenzen Sie Ihren täglichen Nachrichten-Konsum auf das, was Sie für Ihr eigenes Alltagsleben wissen müssen. Schauen Sie stattdessen gezielt etwas, das Sie aufmuntert, entspannt und auch wieder lachen lässt.

Suchen Sie sich aus, worüber Sie wirklich streiten wollen

Auf Twitter und Facebook lässt sich rund um die Uhr streiten: Jeden Tag neue Themen, die vermeintlich nach Ihrer Meinung, nach Kommentierungen und Klarstellungen verlangen. Aber auch das geht langfristig zu Ihren Lasten. Suchen Sie sich deshalb bewusst aus, wo sich der Streit lohnt: Was betrifft Sie überhaupt und wird morgen noch so bedeutsam sein, dass sich die öffentliche Auseinandersetzung lohnt? Ein Klient wählte folgende Taktik: Er entfolgte zum Jahresende sämtliche Facebook-Kontakte, und fügt nun nur wieder hinzu, wen er vermisst. Was auch Ihr Ansatz ist: Aufräumen lohnt sich bei Social Media.

Haben Sie mehr Themen als Corona und Außenpolitik

Mancher Medienprofi ertappt sich dabei, dass er auch in seiner Freizeit ständig die neuen Corona-Zahlen aufruft, und sich ansonsten in den innenpolitischen Schwierigkeiten anderer Länder (USA, Großbritannien, Osteuropa) verliert. Eine derartige Verengung Ihrer Interessen und Aktivitäten blockiert Sie für andere Aspekte des Lebens, die Sie ermutigen und stärken würden. Es empfiehlt sich daher, den Blick bewusst wieder zu öffnen. Eine Möglichkeit dazu: Nehmen Sie sich täglich eine feste Zeit (10-15 Minuten) vor, in der Sie ein wenig meditieren, ein Gebet sprechen oder einen Text lesen, der Sie beruhigt und sammelt.

Warten Sie nicht ab, „bis es wieder besser wird“

Zu einem großen Grad wird dieses Jahr wieder von Durchhalten und Abwarten geprägt sein, etwa in Bezug auf Impfungen und behördlichen Lockerungen. Doch das Leben steht nicht still. Gleichzeitig werden auch jetzt neue Stellen besetzt und Aufträge vergeben, Ideen diskutiert und Projekte gestartet. Viele, komplett absorbiert von all der Aufregung und den praktischen Problemen, werden sich dem nur sehr begrenzt widmen. Andere nutzen diese Chance. So weit es Ihnen möglich ist: Widerstehen Sie der Versuchung, erst einmal das Ende der Krise abwarten zu wollen – sondern werden Sie antizyklisch gerade jetzt aktiv.

2021 wird kein leichtes Jahr werden. Aber das heißt nicht, dass es ein schlechtes oder gar verlorenes Jahr sein muss. Die Bedingung ist, dass Sie auf sich achtgeben und mit Ihren Kräften haushalten. Viele praktisch Möglichkeiten gibt es dazu, die anfangs banal klingen. Aber es ist durchaus anspruchsvoll, sie wirklich in den Alltag zu integrieren und jeden Tag wieder zu praktizieren. Häufig lohnt es sich, sie im Kalender zu notieren, damit sie nicht wegen anderer Termine direkt wieder untergehen. Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches, glückliches und gesundes neues Jahr – passen Sie gut auf sich und andere auf!

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