Stellenabbau: Warum bleiben, wenn andere gehen?

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Kürzlich besuchte ich wieder einmal eine Redaktion, die gerade durch eine weitgehende und schmerzhafte Umstrukturierung ging. Der Stellenabbau war in vollem Gange: In einigen Teams stand fast jede Woche ein neuer Ausstand im Kalender. Manche Kollegen verabschiedeten sich nach 20, 30 oder mehr Jahren im Unternehmen. Einige hatten im Büro geweint, andere freudestrahlend von einem guten Abfindungsangebot berichtet und direkt zusammengepackt. Die Produktion mußte trotz allem weiterlaufen. Es standen sogar zusätzliche ehrgeizige Projekte an.

Wer in so einer schwierigen Situation bleibt, stellt sich zumindest insgeheim viele Fragen. War es vielleicht doch ein Fehler, die angebotene Abfindung nicht zu nehmen? Aber was hätte ich danach gemacht? Klar ist auch, dass der Umbau weitergehen wird, vielleicht sogar zum Dauerzustand wird. Bin ich das nächste Mal dran? Wie lange soll ich noch durchhalten und wann wird es Zeit, auch selbst ein neues berufliches und persönliches Kapitel aufzuschlagen?
Die folgenden fünf Fragen können dir bei der Reflektion helfen:

1. Ist das noch der Job, für den du gekommen bist?

Es ist ganz normal und für viele sogar ein Wunsch, dass sich ihr Arbeitsinhalt immer wieder einmal verändert. Beispiel: Du bist als Reporter gekommen, danach Redakteur geworden, weil du geregelte Arbeitszeiten wolltest. Inzwischen arbeitest du als Teamleiter, weil dir Themenplanung und Redigieren liegen. Inhaltliche Abwechslung, ein hierarchischer Aufstieg mit höheren Gehalt oder ein gewünschter Ortswechsel (z. B. von der Außenredaktion in die Großstadt-Zentrale) sind Gründe, Veränderungen zu begrüßen und von ihnen zu profitieren.

Manche empfinden ihre Entwicklung aber genau umgekehrt: Sie fühlen sich seit Jahren zu Aufgaben gedrängt, die sie bestenfalls “auch interessant” finden, aber eigentlich gar nicht wollen. Im Coaching nennen klassische Journalisten hier vor allem organisatorische oder technische Aufgaben: Das Einpflegen von Print-Texten anderer Kollegen ins Online-CMS, das Anlegen von Newslettern oder das Bestücken der Homepage im Schichtdienst. Wenn du Arbeitsinhalte oder -stil grundsätzlich anders haben willst, ist es Zeit zu gehen.

2. Wie lange machst du bereits zu viele Kompromisse?

Seien wir ehrlich: Die meisten Medienprofis arbeiten nicht nur aus Spaß an der Sache und für ihre Selbstverwirklichung. Das eigene Leben, Kinder und oftmals auch Partner müssen finanziert werden. Miete, Baufinanzierungen oder andere Kredite sind zu bezahlen. Man will sich zudem gelegentlich auch etwas gönnen: Auto, Urlaubs- und Kurzreisen, Kino- und Restaurantbesuche, neue Kleidung, das aktuelle Handy. Das bedeutet: Kaum einer kann einfach hinschmeißen, schon aus finanziellen Gründen. Jeder macht Kompromisse.

Auch hier geht es daher vor allem darum, das richtige Maß zu finden. Wie oft musst du Ja zu etwas sagen, das du eigentlich ablehnst? Und wie lange geht das schon so? Welche Aspekte dabei relevant sind, entscheidst du. Typische Beispiele aus der Coaching-Praxis: Dir widerspricht die politische Ausrichtung des Titels, seit der neue Chefredakteur da ist. Du kannst dich als Pendler nicht damit anfreunden, dass du jetzt regelmäßig um 7 Uhr beim Frühdienst sein musst. Es nervt dich, dass du kaum noch aus dem Newsroom herauskommst.

3. Welche Chancen entgehen dir durch Abwarten?

Der einfachste Weg ist anfangs immer, gar nichts zu tun. Bis zu einem gewissen Grad kann das auch sinnvoll sein: Zuerst mehr Informationen sammeln, sich die Veränderungen ansehen, Optionen erwägen, dann entscheiden. Problematisch wird es, wenn sich das zu einem jahrelangen Verschleppen auswächst: “Ich warte erst mal ab”, “Ich schaue mir das mal an”, “Mal sehen, wie es weitergeht” ohne Ziel und Endpunkt. Denke hier nicht nur an die Risiken eines Wechsels, sondern auch daran, welche Chancen dir so entgehen.

In der Zeit, in der du womöglich unglücklich “abwartest”, könntest du bereits woanders an deiner Zukunft arbeiten: In einem neuen Team, mit einem spannenden Projekt, angestellt oder selbstständig. Du könntest mehr Spaß haben, deine Arbeit als sinnvoller empfinden, mehr Freizeit nutzen, nicht mehr pendeln, vielleicht mehr verdienen. Ob Abfindungsangebote in Zukunft noch so großzügig ausfallen werden, ist ein weiterer Aspekt. Bedenke also, wenn du nicht gerade kurz vor der Rente stehst, immer auch den Preis des Zögerns.

4. Was gefällt dir noch am aktuellen Job?

Ein Grund des Zögerns ist, dass keine Situation ausschließlich schrecklich ist. Viele Aspekte passen vielleicht sogar noch so gut wie am ersten Tag. Du bist stolz auf den Titel, für den du arbeitest. Du interessierst dich für die Themen, über die du schreibst. Dein Vertrag ist gut. Viele Veränderungen eröffnen dir spannende neue Felder (z. B. mehr Web-TV mit Ihnen vor der Kamera). Werde dir möglichst klar darüber, was dir am aktuellen Job noch immer gut gefällt. Am besten schreibst du es dir sogar einmal als Liste auf.

Das bedeutet nicht, dass du wegen der guten Aspekte zwingend für immer da bleiben musst. Du weißt damit aber genau, was du bei einem internen oder externen Wechsel beibehalten oder sogar ausbauen willst. Umgekehrt hilft dir diese Klarheit dabei, unpassende Angebote schnell und ohne großes Bedauern abzusagen. Beispiel: Du willst wieder mehr draußen recherchieren. Ein Angebot, bei dem du eine Führungsposition im Newsroom bekämst, ist dann zwar ehrenvoll, würde dich aber in eine Sackgasse führen.

5. Wenn du abwarten willst: Worauf wartest du?

Wie beschrieben, gibt es viele Gründe, zunächst gar nichts zu tun. Persönlich würde ich die Grenze bei sechs bis 18 Monaten ziehen. Diese Zeit ist meist nötig, um sich Freiräume zu verschaffen (z. B. Dispo ausgleichen, Weiterbildung beenden), aber auch, um ausreichend neue Angebote zu erhalten. Gerade in Führungspositionen kann jede Bewerbungsrunde schnell ein halbes Jahr dauern und am Ende vielleicht zu keinem Vertrag führen. Du brauchst also Geduld, selbst wenn du dich entschlossen hast, dich zu verändern.

Gleichzeitig solltst du dir ein Zeitlimit setzen. Wenn du abwarten willst: Worauf wartest du? Beispiele könnten sein: Du gibst einem neuen Chef sechs Monate Zeit, um zu sehen, ob sich das Redaktionsklima verbessert. Du nimmst dir vor, erst noch innerhalb eines Jahres einen offenen Kredit abzuzahlen, um danach geringere Lebenshaltungskosten zu haben. Eher zermürbend sind dagegen wesentlich längere Zeiträume: “Wenn die Kinder in zehn Jahren aus der Schule sind…”, “Wenn wir erst das Haus abbezahlt haben…”

Die fünf Fragen sind keineswegs so zu verstehen, dass sie unweigerlich zur Entscheidung führen sollen, den Job zu wechseln. Für manchen kann es sinnvoll sein, noch viele weitere Jahre in der Redaktion zu bleiben. Andere werden nach einem systematischen Überlegen entscheiden: “Ich kündige, und zwar zum nächstmöglichen Termin. Jeder weitere Tag kostet mich einfach zu viel.”
Dein Ziel sollte es sein, deine eigene Lage klar zu sehen und selbstbestimmt zu entscheiden – anstatt es anderen oder den Umstände zu überlassen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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