Warum habe ich immer wieder das gleiche Problem?

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Wie einfach wäre doch das Leben, wenn sich jede Schwierigkeit mit ein paar Tipps beseitigen ließe: Mach mal so, dann klappt das auch. Leider stellt sich im wahren Leben irgendwann heraus, dass sich viele Probleme überhaupt nicht mit Ratschlägen lösen lassen: Man weiß selbst genau, was zu tun wäre, tut aber doch etwas anderes – und steht damit immer wieder vor dem gleichen Problem. Natürlich hat man sich Rat geholt: Bücher und Magazine zum Thema gelesen, in Internetforen diskutiert, Freunde befragt, aber eben ohne Ergebnis.

So stellte eine Chefreporterin fest, dass sie immer wieder Streit mit ihren Redaktionskollegen hatte, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, versöhnlicher aufzutreten. Ein Korrespondent hatte “immer wieder die falsche Frau”, obwohl er bei seiner Auswahl überlegter sein wollte und auch ein entsprechendes Seminar dazu besucht hatte. Ein Produktmanager stellte fest, dass ständig andere befördert wurden, obwohl er mindestens so gut gearbeitet hatte, und ärgerte sich über sein zögerliches Verhalten, dass kein Ratgeberbuch beseitigen konnte.

Enttäuscht, immer wieder an sich selbst zu scheitern

Nach einigen Jahren klingt die Enttäuschung, immer wieder an einem längst erkannten Problem zu scheitern, beispielsweise so:

  • “Wie kommt es, dass ich – als Führungskraft – bei jeder Entscheidung ewig zögere und, wenn ich sie endlich getroffen habe gleich wieder an ihr zweifle?”
  • “Wieso zittere ich am Körper, wenn ich in der Konferenz etwas sagen soll, obwohl ich zweifellos nicht dumm bin, gebildet und lange genug im Job?”
  • “Wieso habe ich mich von dieser bestimmten Person so schlecht behandeln lassen, obwohl ich doch weiss, dass ich mehr verdient habe?”
  • “Warum stecke ich immer wieder in der gleichen Situation, obwohl ich mir doch fest vorgenommen hatte, es diesmal anders zu machen?”

In solchen Äußerungen schwingen viele Irrtümer mit. Der wichtigste ist die Annahme, man müsse nur noch etwas bestimmtes “wissen”, dann würde sich das Problem endlich lösen lassen (daher die unendliche Suche nach noch mehr Büchern, Vorträgen usw. zum Thema). Die zweitwichtigste ist, dass dahinter eine charakterliche Schwäche oder Schädigung stecke: Etwas müsse ja nicht in Ordnung sein, wenn man immer wieder am gleichen Problem scheitert, obwohl man seit Jahren sehr genau weiß, wie es besser gehen würde.

Das ist der Moment, etwas anzuerkennen: Derartige “Muster”, also wiederkehrende nicht erwünschte Situationen, sind kein Wissensproblem, also durch mehr Information zu lösen, sondern ein Perspektivenproblem: Bestimmte Einstellungen und Sichtweisen führen Sie zu Entscheidungen und Verhaltensweisen, von denen Sie selbst wissen, dass Sie nicht gut für Sie sind. Sie haben nichts mit dem Charakter, mit dem Bildungsgrad und der beruflichen Situation zu tun. Ein Pauschalist ist da nicht anders als ein Chefredakteur.

Kein Zeichen von Charakter- oder Willensschwäche

Wie kann man sich nun aus solch einem “Muster” lösen? Durch einen mutigen Schritt: Sich nicht weiter mit der Suche nach Antworten von aussen aufzuhalten, also schnelle praktische Ratschläge zu suchen, sondern den Blick nach innen zu wagen – und zwar insbesondere in die dunklen Ecken der eigenen Seele. Was lässt Sie so handeln, wie Sie es bisher tun? Diese Suche ist nicht einfach, aber die einzige nachhaltige Lösung. Hier einige Schritte dahin.

  1. Achten Sie darauf, ob sich bestimmte unerwünschte Situationen bei Ihnen schon seit Jahren wiederholen, und das unabhängig von den sonstigen Umständen. Beispiel: Sie haben immer wieder Stress mit Ihrem Chef, in welchem Unternehmen Sie auch gerade arbeiten. Überlegen Sie, ob das wirklich Zufall ist oder an Ihnen liegen könnte.
  2. Prüfen Sie, inwieweit Ihnen praktische Ratschläge (z. B. von Freunden) bei diesem Problem bisher geholfen haben. Haben Sie sich jedes Mal wieder vorgenommen, es diesmal anders zu machen, hatten aber doch wieder das gleiche Ergebnis? Das wäre ein Hinweis darauf, dass Ihnen gar kein Wissen fehlte, sondern etwas anderes.
  3. Schieben Sie eventuelle Gedanken beiseite, dass Sie willensschwach, “nicht gut genug” wären oder “einen Knacks” hätten. Wer sich über viele Jahre bereits mit einem Problem beschäftigt hast, ist sogar ausgesprochen willensstark. Fast immer geht es hier um erlerntes, damals sinnvolles Verhalten, dass Sie heute behindert.
  4. Da Sie inzwischen wissen, dass Sie in dieser Sache keine “Tipps” brauchen, lesen Sie nicht noch mehr Bücher und Magazinartikel zum Thema oder sehen Sie sich weitere YouTube-Videos dazu an. Beschließen Sie, nun etwas ganz anderes zu machen: Sich mit sich selbst auseinander zu setzen, auf innere Erkundungsreise zu gehen.
  5. Gute Methoden dafür sind alle, bei denen Sie sich selbst ausdrücken können: Schreiben Sie Tagebuch, beantworten Sie Fragebögen zur Selbstreflektion, gehen Sie in einen Gesprächskreis oder zu einem Coach. Selbstverständlich eignen sich auch alle künstlerischen Ausdrucksformen wie Singen, Malen, Tanzen, Keramik usw.
  6. Achten Sie bei diesen Methoden, sich selbst auszudrücken, auf Momente, in denen Sie Empfindlichkeiten und Verletzungen spüren: Hier liegt der Schlüssel für die echte Veränderung. Beschäftigen Sie sich geduldig und liebevoll damit, indem Sie sich zu diesem Thema artikulieren. Heilen Sie sich durch einen versöhnlichen Blick zurück.

Dieser Weg ist sehr anders als ein praktischer Tipp, der eine schnelle Lösung verspricht, nur leider nicht funktioniert. Er ist gewunden, führt durch unentdecktes Gebiet und hat seine Unsicherheiten (z. B. zu erkennen, dass man eigentlich ganz anders ist, als man bisher selbst gedacht hat). Gleichwohl lohnt er sich, denn das Ergebnis ist so nachhaltig, dass es einen erst selbst und dann das eigene Leben völlig verändern kann. Seien Sie also mutig – und lernen Sie sich selbst noch einmal neu kennen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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