Wenn der Chef mal wieder nicht antwortet

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Der Produktmanager eines Medienunternehmens verzweifelte an seinem Vorstand: Auf jeden Vorschlag für neue Produkte oder verbesserte Abläufe bekam er nur eine vage oder gar keine Antwort. Er möge doch noch einmal ein ausführlicheres Konzept nachreichen, diese oder jene Berechnung präzisieren oder eine erneute Präsentation vorbereiten, für die aber noch kein Termin absehbar sei. Nach 1,5 Jahren war er noch immer weitgehend damit beschäftigt, Pläne auszuarbeiten, ohne je mit einer Umsetzung beginnen zu dürfen.

Eine freie Auslandskorrespondentin verschickte ihr Themenangebot an eine Vielzahl von Redaktionen, teilweise an fast 100 Empfänger. Die meisten waren ihr persönlich bekannt, doch oft antworteten nur zwei oder drei. Manchmal mit einer festen Zusage, nicht selten aber mit Bemerkungen wie: „Klingt gut, schauen wir uns mal an“ oder „Da könnte man etwas machen, wir melden uns.“ Ihr war ständig unklar, ob sie nun mit der Recherche beginnen, erneut nachfragen oder abwarten sollte – und überhaupt mit den Einnahmen rechnen könne.

Weiteres Nachfragen gilt schnell als Unverschämtheit

Unentschlossene, zögerliche oder vage Antworten gehören zu den häufigsten Problemen in der Kommunikation: Jemand stellt eine klare Frage, fühlt sich aber nicht gehört, verstanden oder ernst genommen. Erneutes Nachfragen führt nicht etwa endlich zu Klarheit, sondern wird als Belästigung oder Unverschämtheit bewertet und zunehmend abgeblockt. Statt einer Antwort muss man auf einmal sogar damit rechnen, dass einem unpassendes Verhalten vorgeworfen wird und mit disziplinarischen Folgen (z. B. Abmahnung) zu rechnen ist.

Ähnliches geschieht im Privatleben

Eine Cheflayouterin war erschöpft von einer mehrjährigen Fernbeziehung, in der meistens sie an den Wochenenden zu ihrem Partner gefahren war. Er hatte üblicherweise „keine Zeit“ für die Fahrt zu ihr, obwohl sie ebenfalls im Schicht- und Sonntagsdienst arbeitete. Als sie ihm schließlich von ihrer Idee erzählte, in seine Region zu ziehen, reagierte er nicht etwa erfreut oder sogar mit dem Vorschlag, dann endlich zusammen zu ziehen. Stattdessen: „Na, ob du hier so leicht eine Wohnung findest?“

Keine Antwort ist auch eine Antwort

In allen diesen Beispielen haben sich die Fragesteller aus menschlich völlig verständlichen Gründen geweigert, eine sprichwörtliche Wahrheit anzuerkennen: Keine Antwort ist auch eine Antwort. Im Fall des Produktmanagers: Der Vorstand wünscht in absehbarer Zeit keine echten Veränderungen. Bei der Korrespondentin: Die angesprochenen Kunden haben wahrscheinlich gar kein Budget. Was die Cheflayouterin angeht: Ihrem Partner ist die Distanz offenbar angenehm, weil sie ihm Freiheit gibt. Er wünscht keine Vertiefung der Beziehung. 

Gerade Vorgesetzte flüchten sich oft in vage Antworten, um nicht zugeben zu müssen, dass sie selbst bestimmte Entscheidungen gar nicht treffen dürfen. Typisches Beispiel: Eine vom Team geforderte, tatsächlich notwendige Veränderung würde größere Umstrukturierungen nach sich ziehen, die der Geschäftsführung zu riskant oder teuer sind. Im Privatbereich wird damit nicht selten Unfähigkeit oder Desinteresse kaschiert. Die vage Antwort soll mögliche „Beziehungsgespräche“ vermeiden oder Veränderungen ganz verschleppen.

Die tiefere Wahrheit wird meist geahnt

Fast immer wird diese tiefere Wahrheit geahnt, aber sie scheint zu unangenehm, um sie als Option tatsächlich in Betracht zu sehen. „Lieber noch mal nachfragen“, auch wenn man das bereits mehrere Male getan hat. Wie soll man sich nun aber verhalten in diesen Fällen?

  • Stelle sicher, dass du verstanden wurdest. Vor allem, wenn dein Gegenüber weitgehend schweigend zuhört, kannst du durch Nachfragen zumindest prüfen, ob deine Botschaft überhaupt angekommen ist. Statt: „Und was sagen Sie dazu?“ sind inhaltliche Fragen sinnvoller. Beispiel: „Welchen Zeithorizont sehen Sie dafür?“
  • Nimm hin, dass du niemanden zu einer verbindlichen Antwort zwingen kannst. Das gilt insbesondere für gleich- oder höherrangige Gegenüber. Weiteres Drängen oder Insistieren führt meist nur dazu, dass sich dein Gegenüber zurückzieht oder versuchen wird, dich loszuwerden. Du schadest dir damit also nur selbst.
  • Stelle stattdessen fest, dass keine Antwort bereits eine Antwort ist. Deine Frage wurde beantwortet, wenn auch nicht in deinem Sinne: Deinem Gegenüber ist das Thema nicht oder zu wenig wichtig. Es wurde vielleicht aus Höflichkeit, Desinteresse oder wegen anderer Prioritäten nicht so klar gesagt, impliziert aber auf jeden Fall.
  • Informiere dein Gegenüber, falls es tatsächlich objektive Termine gibt, bis zu denen du eine Entscheidung brauchst. Beispiel: Du beantragst Budget für ein Event, zu dem es eine Anmeldefrist gibt. Gib derartige Fristen informativ weiter, es sollte nicht so wirken, als wolltest du deinen Gesprächspartner erpressen.
  • Entscheide nun, was das für dich bedeutet. Kannst du für längere Zeit, gar dauerhaft mit dieser Absage leben? Oder wird es Zeit für dich, Konsequenzen zu ziehen, etwa zu wechseln? Hoffe nicht,  dass es sich der andere „doch noch mal anders überlegt“, wenn nichts dafür spricht, etwa eine konkrete Zusage mit Termin. 

Selbstbestimmt mit Nicht-Antworten umgehen

Die tiefere Wahrheit, warum du keine klare Antwort erhältst, ist oft schmerzhaft. Die Enttäuschung muss erst einmal verarbeitet werden. Gleichzeitig verschafft dir der letzte Punkt aber wieder die Selbstbestimmung, die in der vielfach entwürdigenden Diskussion verloren gegangen ist. Du weißt nun endlich, woran du bist und kannst selbst entscheiden, was für dich aus der Nicht-Antwort folgt: Damit arrangieren oder sich verändern und deine Zeit künftig mit jemandem verbringen, der tatsächlich dasselbe will wie du.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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