Wenn der neue Job einfach nicht zu Ihnen passt

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Schon in den Vorstellungsgesprächen hatte eine langjährig erfahrene Lokaljournalistin, die sich als Ressortleiterin bei einer Tageszeitung bewarb, ein merkwürdiges Gefühl. Ihr schien es, als würde sie von der Verlagsleitung nie so ganz verstanden und müsse sich immer noch einmal erklären. Sie bekam den Vertrag trotzdem, wurde aber schon wenige Wochen später um eine Aussprache gebeten: Sie würde “nicht so performen, wie wir uns das erhofft haben“, ohne dass ihr das näher erklärt wurde. Kurz vor Ende ihrer Probezeit wurde sie ohne eine fassbare Begründung entlassen, offiziell wegen “unterschiedlicher Vorstellungen”.

Für Medienprofis, die ja eigentlich selbst Kommunikation im Hauptberuf betreiben, kann ein derartiges Erlebnis traumatisierend sein: In einem Job zu scheitern, weil man offenbar nicht verstanden hat, was vom Arbeitgeber wirklich gewünscht wurde – oder auch, weil man von ihm nie wirklich verstanden wurde. Besonders für Menschen, die fest an eine “objektive” Leistungsbeurteilung geglaubt haben, bricht damit oft eine Welt zusammen: Abgemeldet oder gleich ganz entlassen, obwohl man ihnen objektiv gar nichts vorwerfen kann. Hier einige Gedanken für den Fall, dass Sie sich gerade in einer ähnlichen Situation befinden.

Warnzeichen oft schon am ersten Tag

Ganz überraschend ist solch eine Entwicklung selten, auch wenn viele Coaching-Klienten zunächst diesen Eindruck haben. Sie erhalten beispielsweise eine negativen Beurteilung, obwohl ihre Arbeit nach eigener Einschätzung sehr gut war, und erklären sich das mit einem Missverständnis oder das sie sich wohl “noch mehr anstrengen” müssen. Fast immer haben Warnzeichen bereits vom ersten Tag an gezeigt, dass hier etwas nicht passt:

  • Schon bei den ersten Interaktionen – Bewerbung, Vorstellungsgespräch – tauchen Missverständnisse und Unklarheiten auf. Beispiel: Sie finden plötzlich andere Bedingungen im Arbeitsvertrag, als eigentlich besprochen waren.
  • Wird Ihre Leistung kritisiert, empfinden Sie die vorgebrachten Punkte als völlig vage und können sich damit gar nicht verbessern. Beispiel: Sie sollen “spannender” schreiben oder “relevanter sein”, ohne dass es dafür Kriterien gäbe.
  • Sie finden sich regelmäßig in der Situation wieder, dass Sie Arbeitsaufträge o.ä. angeblich “nicht richtig verstanden” haben. Wenn sie erhaltene E-Mails Ihres Chefs, was sie tun sollten, als Beleg vorlegen, wird das beiseite gewischt.
  • Sie fühlen sich zunehmend verunsichert und drängen auf immer neue Klarstellungen und Aussprachen, ohne dass sich dadurch etwas verbessern würde. Im Gegenteil: Sie stehen wie ein lästiger Bittsteller da, der abgewimmelt wird.
  • Sie merken, wie Sie sich immer mehr verstellen in der Hoffnung, nicht noch mehr Kritik auf sich zu ziehen. Beispiel: Sie überlegen sich jedes Wort und notieren sich die Äußerungen Ihres Chefs, weil Sie langsam an sich selbst zweifeln.

Wenn eine Arbeitsbeziehung derart von Misstrauen und Unverständnis auf einer oder beiden Seiten geprägt ist, geht es um etwas völlig anders als nicht erreichte Ziele. Hier passt etwas ganz Grundsätzliches nicht: Der zwischenmenschliche Bereich (“Chemie”), im Job konkret ein gemeinsames Verständnis, woran und wie zusammengearbeitet werden soll. Vieles lässt sich in Kennzahlen u.ä. konkretisieren, benötigt aber erst einmal diese geteilte Basis.

Schnell um einen Ausweg kümmern

Wenn Sie feststellen, dass Sie sich in einer derartigen Situation sind, sollten Sie realistisch sein: Sie werden eine gewisse Zeit damit leben können, aber an diesem Arbeitsplatz wahrscheinlich nie so erfolgreich sein, wie es Ihren Fähigkeiten entspricht. Ohne eine vertrauensvolle, belastbare Beziehung und Kommunikation mit Ihren Vorgesetzten und Kollegen wird jede alltägliche Herausforderung des redaktionellen Alltags (z. B. Themenfindung oder Textbewertung) zur Grundsatzfrage und Angriff auf Ihre Würde.

Für Ihre eigene Klarheit ist es sicher hilfreich, sich Notizen zu machen: Was wurde Ihnen versprochen, was von Ihnen gefordert – und was stellte sich später heraus? Nicht, um später Ihren Vorgesetzten damit zu konfrontieren und so zu überzeugen. Sie würden dadurch nur die sowieso minimale Vertrauensbasis komplett zerstören. (Ich habe schon Redakteure gesehen, die eingeschaltete Aufnahmegeräte in Konferenzräumen “vergessen” haben, um Belege dafür zu erhalten, was Ihr Vorgesetzter hinter geschlossenen Türen über sie spricht.) Ziel derartiger Notizen ist, dass Sie selbst verstehen, was hier gerade abläuft.

Die beste Taktik in dieser Situation ist: Nehmen Sie mit, was Sie können – Einkommen, gute Artikel, die Ihnen bei späteren Bewerbungen nützen könnten, neue Kontakte – und schauen Sie sich sofort nach einer anderen Stelle um. Vielleicht haben Sie Glück, und Sie halten ein bis zwei Jahre durch. Aber der Preis ist hoch, Sie werden in solch einem Umfeld zunehmend verunsichert und damit tatsächlich schlechter. Eine erfolgreiche Autorin, die kurzzeitig in einer derartigen Redaktion arbeitete, sagte mir: “Ich habe dort am Ende gezweifelt, ob ich überhaupt schreiben kann.” Investieren Sie also nicht zu viel Energie darin, sich in einen sowieso unpassenden Job zu zwängen, sondern eher in Bewerbungen bei Unternehmen, wo man Sie als Medienprofi und Mensch haben will, respektiert und schätzt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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