Wenn Medienprofis die eigene Herkunft peinlich ist

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Eine Lokalredakteurin, für eine Regionalzeitung in einer Kreisstadt tätig, hatte immer ein unwohles Gefühl, wenn sie einmal in der Zentrale ihres Arbeitgebers zu tun hatte. Sie kam sich dort ungelenk und provinziell vor, alle schienen ihr weltläufiger und professioneller als sie selbst. Zwar hatte man ihr mehrfach bestätigt, dass sie sehr gut arbeitete, gleichwohl kamen ihr die mehrheitlich sehr freundlichen Kollegen in der Zentralredaktion überlegen vor.

Der stellvertretende Chefredakteur eines Magazins fühlte sich bei Veranstaltungen, zu denen ihn seine Position regelmäßig führte, unwohl. Er traf dort auf Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur und kam sich unter ihnen “immer ein bisschen wie ein Hochstapler” vor. Er selbst kam aus bescheidenen Verhältnissen und war in einer Kleinstadt aufgewachsen, trotz seiner Karriere hatte er das nie ganz abschütteln können.

Das Gefühl, in einer ungünstigen Rolle gefangen zu sein, beschleicht manchen Medienprofis gelegentlich oder sogar häufig. Meist hat es mit dem persönlichen oder sozialen Hintergrund zu tun und verschwindet manchmal auch nicht, wenn sich der Erfolg längst eingestellt hat, man also nachweislich über ihre Herkunft hinausgewachsen sind. Ein gelegentlicher Zweifel, der schnell wieder überwunden ist, ist normal und unproblematisch, Dauerzweifel nicht.

Nicht ständig selbst hinterfragen

Wer sich ständig selbst hinterfragt, schadet nicht nur seinem Wohlbefinden, sondern auch seiner beruflichen und persönlichen Entwicklung. Jede Wortmeldung in einer Konferenz oder für eine Präsentation wird dann zur fast unüberwindbaren Mutprobe, jeder “Small Talk” während einer Veranstaltung eine unangenehme Pflicht, der man sich am liebsten ganz entziehen würde. Einige einfache Schritte können bereits deutlich helfen.

  • Seien sie stolz auf das Erreichte, und zwar sowohl auf Ihre berufliche wie persönliche Entwicklung. Vergleichen Sie sich dabei nicht mit anderen, sondern mit sich selbst: Wo haben Sie einst angefangen, wo stehen Sie heute? Mancher hat persönlich auf dem zweiten Bildungsweg mehr geleistet als der Absolvent einer Elite-Universität.
  • Schämen Sie sich nicht Ihrer Herkunft, sehen Sie sie stattdessen als den entscheidenden Teil Ihrer Biografie, der Sie möglicherweise am meisten dazu motiviert hat, mehr zu tun und zu leisten als andere. Ohne Ihre Herkunft wären Sie wahrscheinlich nicht besser dran, sondern überhaupt nicht da, wo Sie jetzt sind. 
  • Beschäftigen Sie sich mit den Biografien prominenter Menschen, unterhalten Sie sich aber auch mit erfolgreichen Menschen in Ihrem Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis. Sie werden feststellen, dass viele ebenfalls beachtliche Hindernisse, die in ihrer Herkunft wurzelten, überwinden mussten – nicht anders als Sie.
  • Machen Sie Ihren Frieden mit den Aspekten Ihrer Herkunft, die Sie als schmerzlich, peinlich oder unangenehm empfinden. Der wichtigste Schritt dazu ist, sie nicht zu verdrängen oder zu verleugnen, sondern sich ein wenig damit zu beschäftigen, indem Sie z. B. noch einmal an gewisse Orte reisen, mit Verwandten sprechen.
  • Wo Sie tatsächlich Nachholbedarf feststellen, können Sie fehlende formale oder andere Qualifikationen nachholen. Empfinden Sie sich als provinziell, reisen Sie mehr, lernen Sie eine Fremdsprache. Sind Sie unsicher wegen ihres Auftretens, helfen Stilberatung, ein Gute-Manieren-Kurs, Sprach- oder Präsentationstrainer.
  • Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihre Herkunft Sie deutlich belastet und in gewissen Aspekten ihres Berufs- und Privatlebens zurückhält, weil Sie sich z. B. bei Konferenzen und Veranstaltungen aus Unsicherheit oder Angst zurückhalten, erwägen Sie Coaching oder Therapie, um das schrittweise abzubauen.

Eines der Schlagworte der letzten Jahre war, dass man sich “neu erfinden” solle. Das ist möglich, aber gleichzeitig bleibt Ihre Herkunft ihre Basis. Akzeptieren Sie sie nicht nur, sondern seien Sie stolz auf Ihren Lebensweg – tun sie also das, was man gemeinhin als “authentisch” sein bezeichnet. Sie ersparen sich damit nicht nur unnötige Selbstzweifel und selbst verursachte Hürden, sondern werden gleichzeitig zu einer Inspiration für andere.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Kress.de.

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